Arbeitssicherheit / Gesundheitsschutz


Es geht um Leben und Tod

Michael Schülzky: "Wenn ich über Baustellen gehe, kriege ich oft einen Schreck."
Michael Schülzky: "Wenn ich über Baustellen gehe, kriege ich oft einen Schreck." © zplusz/Kay Herschelmann
27.10.2014
„Das Recht auf ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld ist ein grundlegendes Menschenrecht“, betont Guy Ryder, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) Ende August in Frankfurt am Main. Doch auf dieses Menschenrecht müssen noch viele gezwungenermaßen verzichten – auch in Deutschland. Guy Ryder nannte in seiner Rede auf dem XX. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit erschreckende Zahlen.

Jede Minute sterben weltweit fünf Menschen aufgrund von einem Arbeitsunfall oder einer arbeitsbedingten Krankheit. Pro Jahr ereignen sich etwa 313 Millionen Arbeitsunfälle, rund 160Millionen Beschäftigte leiden an einer arbeitsbedingten Erkrankung.

Die IAO vermutet, dass die Dunkelziffer der toten, verletzten und erkrankten Beschäftigten weit höher liegt. Und das ist nicht nur ein Problemin den sogenannten Entwicklungsländern, sondern auch bei uns. Knapp 875 000 meldepflichtige Arbeitsunfälle verzeichnete die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) im vergangenen Jahr. Davon waren 455 tödlich.

Im Bauhauptgewerbe starben im vergangenen Jahr 112 Menschen. Insgesamt 194 Beschäftigte verstarben 2012 in der Land-, Forst- und Gartenwirtschaft bei Arbeits- und Wegeunfällen. Doch auch hier vermag niemand zu sagen, wie hoch die Dunkelziffer ist und ob auch wirklich jeder meldepflichtige Arbeitsunfall bekannt wird.

Oft wirkt sich die Arbeitsbelastung aber auch erst viel später auf die Gesundheit aus. Chronische Beschwerden sind vermehrt die Folgen. Bei rund 36 000 Versicherten bestätigte sich laut DGUV der Verdacht auf eine Berufskrankheit, in der Mehrzahl handelte es sich um Hauterkrankungen. 2343 Versicherte starben infolge einer Berufskrankheit – asbestbedingte Erkrankungen waren die Haupttodesursache. Aber auch hier liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich weit höher als die offiziellen Zahlen.

Aus diesem Grund fordert die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) geringere Hürden bei der Anerkennung von Asbest-Krankheiten als Berufskrankheiten. „Asbest ist ein grausames Gift, das immer noch viele Menschen krank macht und Tote fordert. Gerade am Bau kommen Arbeiter immer
wieder mit den winzigen Fasern in Kontakt. Verlieren sie dadurch ihre Gesundheit, haben sie aber nur geringe Chancen, dass dies als Berufskrankheit anerkannt wird“, sagte der Stellvertretende IG BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers. „Es ist beschämend, dass nur jeder fünfte Antrag
von der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) angenommen wird. Die übrigen 80 Prozent müssen sehen wie sie klarkommen. Deshalb muss der Nachweis für die Erkrankung durch Asbest leichter werden, am besten ist eine Beweioslastumkehr."

Damit es erst gar nicht soweit kommen muss, braucht es (bessere) Prävention vor Ort und ein stärkeres Bewusstsein für die Gefahren am Arbeitsplatz. Hier sind sowohl Arbeitgeberwie auch Beschäftigte gefragt.

Investitionen in besseren Arbeits- und Gesundheitsschutz lohnen – auch finanziell. So schätzt beispielsweise die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dass deutsche Betriebe jedes Jahr

rund 92 Milliarden Euro aufgrund krankheitsbedingter Arbeitsausfälle verlieren. Eine Studie der Justus-Liebig-Universität in Gießen besagt, dass sich jeder in den Arbeitsschutz investierte Euro durchschnittlich mit 2,20 Euro rentiert. Nicht zuletzt lohnen sich die Investitionen natürlich auch für ein gesünderes und sicheres Klima am Arbeitsplatz.

Ein Beitrag unserer Kollegin Christiane Nölle in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann, 10/2014.