Geschichte


Daten und Fakten zur Geschichte der IG BAU

10.08.2004
"Der Grundstein, der vorzüglichste unter den Steinen, die bestimmt sind, das Fundament für den Tempel des reinen Menschentums zu bilden, dieser Grundstein soll hier gelegt werden. Alle Menschen sind berufen, als Bauleute mitzubauen am Bau dieses Tempels, des herrlichsten Bauwerkes, das die Menschheit ersann (…) es ist der Tempel der werktätigen Liebe und trägt die Inschrift: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ Aus dem Leitartikel des ersten „Grundstein. Organ der deutschen Bauhandwerker“, 15. September 1875)

Die Industriegewerkschaft Bauen – Agrar – Umwelt (IG BAU) gibt es in ihrer heutigen Form seit dem 1. Januar 1996. Sie entstand aus dem Zusammenschluss der IG Bau – Steine – Erden und der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft. Grundidee der neuen Gewerkschaft war das „Bündnis von Arbeit und Umwelt“.
Die Geschichte der IG BAU als Selbstorganisation abhängig Beschäftigter, die gegenüber den Unternehmern ihre Forderungen gemeinsam durchsetzen wollen, ist erheblich älter. Sie ist verbunden mit Namen wie Georg Schorsch“ Leber (IG BSE-Vorsitzender von 1957 bis 1966), der es als erster Gewerkschaftsführer schaffte, in einem Tarifvertrag vermögenswirksame Leistungen für die Beschäftigten zu verankern. Gleichberechtigt daneben steht das Engagement vieler unbekannter Gewerkschafter – etwa die Bauarbeiter, die den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR auslösten.
Vieles von dem, was heute selbstverständlich scheint, musste über Jahrzehnte mühsam erkämpft werden. Mit dem 1957 erkämpften freien Samstag gelang der Gewerkschaft der Übergang von der 48- zur 40-Stunden-Woche. Sie wurde 1969 erreicht, gemeinsam mit dem dreiwöchigen Mindesturlaub. In den 70-er Jahren folgte der Einstieg in das 13. Monatseinkommen, in den 80er Jahren Vorruhestandsregelungen. Immer hat sich die IG BAU als streitbarer, aber konstruktiver Gesprächspartner erwiesen.

Die Geschichte der IG BAU geht zurück bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie findet ihre ersten Regungen in Organisationen wie demEnde 1868 entstandenen „Allgemeinen Deutschen Zimmererverein“ oder dem 1869 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Maurerverein“. Beide verstanden sich damals weniger als wirtschaftliche Interessensvertretung, denn als politische Kampfverbände. Jahrzehnte vor den Bismarckschen Sozialreformen richteten sie bereits Unterstützungskassen ein für den Fall von Invalidität, Alter, Krankheit, Tod, Streik und Not.

Mit dem Inkrafttreten des Bismarckschen „Sozialistengesetzes“ wurden ab 1878 auch die Gewerkschaften und ihre Organe verfolgt. Die Gewerkschaften hatten zu diesem Zeitpunkt etwa 50.000 Mitglieder, die in 30 Verbänden organisiert waren und über 16 Zeitungen und ein gut ausgebautes Unterstützungswesen verfügten. De facto blieb das Koalitionsrecht erhalten. Doch wer die florierende Konjunktur der „Gründerjahre“ nutzen wollte, um wie beim Berliner Maurerstreik von 1885 höhere Löhne oder kürzere Arbeitszeiten zu erkämpfen, riskierte die Ausweisung aus der Heimat.

Der Hunger war damals täglicher Gast an den Tischen der Bauarbeiterfamilien. Ein Bauarbeiter verdiente im Schnitt noch nicht einmal zwei Drittel von dem, was nach offiziellen Angaben nötig war, um eine vierköpfige Familie zu ernähren – von der Qualität dessen, was auf den Tisch kam, ganz zu schweigen. Die mangelhafte Ernährung bildete eine ideale Grundlage für typische Arbeiterkrankheiten wie die grassierende Schwindsucht und reduzierte die Lebenserwartung auf 35 Jahre für Steinmetze oder 43 Jahre für Maurer.

Hinzu kam die schlechte Wohnsituation. Der Mangel an menschengerechten Wohnungen, Luft und Licht führte in Dresden dazu, dass in den 20er Jahren 40 Prozent der Neugeborenen in den Arbeitervierteln starben. Abhilfe versuchte die „Bauhütten-Bewegung“ zu schaffen. In ihr hatten sich arbeitslose Bauarbeiter zu lokalen Produktionsgenossenschaften zusammenschlossen, um in Eigeninitiative für das arbeitende Volk moderne Wohnungen zu errichten. Das Interesse war groß: Anfang 1932 waren mehr als 90 Prozent der Mitglieder der Bauarbeitergewerkschaft arbeitslos! Heute sind es in Ostdeutschland 50 und im Westen der Republik 28 Prozent.

Noch vor dem 1. Weltkrieg wuchs der Bauarbeiterverband zur zweitstärksten Gewerkschaft heran. Obwohl nur 16 Prozent aller Beschäftigten im Deutschen Reich auf dem Bau arbeiteten, fand dort ein Drittel aller Arbeitskämpfe statt. Die herausragende Stellung der Arbeiterräte und Arbeiterausschüsse in der Novemberrevolution 1918 schließlich bescherte den Gewerkschaften nicht nur die Anerkennung als Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten, das Recht auf kollektive Tarifverträge und eine betriebliche Interessenvertretung (Betriebsräte), sondern auch erhebliche Fortschritte in der Sozialpolitik, darunter den Acht-Stunden-Tag.

Der erfolgreiche Streik auf dem Bau von 2002 findet in dieser Zeit seine Vorbilder. Erinnert sei an den großen Bauarbeiterstreik von 1925, der Versuche der Unternehmen abwehrte, den Acht-Stunden-Tag zu kippen. Daneben betrat die Bauarbeitergewerkschaft immer wieder tarifpolitisches Neuland: Bereits 1921 konnte sie für Arbeiter zum ersten Mal einen Anspruch auf drei Urlaubstage (!) tariflich durchsetzen. Die vom damaligen Baugewerkschaftsvorsitzenden Fritz Paeplow in die Diskussion geworfene Idee, eine Urlaubskasse einzurichten, ließ sich dagegen in der Weimarer Republik nicht mehr realisieren.

Sie fand erst 1950 in der „Urlaubskasse für die Bauwirtschaft“ ihr praktisches Ergebnis. Der gemeinsam mit den Unternehmen finanzierte Verein konnte bald eigene Ferienhotels einrichten. Später folgten „Zusatzversorgungskasse“, die „Stiftung Berufshilfe“, das „Gemeinnützige Erholungswerk“ und – 2001 mit der Riester-Rente - die Tarifliche Zusatzrente. Auch in einem anderen Bereich ging es voran: 1959 kam die erste Schlechtwetterregelung. Die Saisonabhängigkeit des Baugewerbes auszugleichen war seit der Jahrhundertwende zentrales Ziel der Baugewerkschaft. Am Beginn des neuen Jahrtausends hat das alte Ziel einer ganzjährigen Beschäftigung erneut Aktualität erhalten. Es steht hinter der von der IG BAU angestoßenen Diskussion um Beschäftigungssicherung, Jahresarbeitszeit und Lebensarbeitszeitkonten, für die sich die Gewerkschaft in der Tarifrunde 2004 stark macht.

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