Arbeitssicherheit / Gesundheitsschutz


Wegschauen gilt nicht


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23.12.2005
Starke Männer kennen keinen Schmerz, und jeder ist gern ein Draufgänger vor dem Herrn. Aber es ist die eigene Haut und die eigene Arbeitskraft, die man zu Marke trägt. Deshalb kämpft die IG BAU für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit.

„Es geht ja auch um die Familie“, sagt Rainer Prestin. „Man muss doch alleine schon im Interesse seiner Familie die eigene Gesundheit schützen und erhalten. Damit kann man nicht Schindluder treiben – oder treiben lassen.“ Rainer Prestin weiß, wovon er spricht. Er ist einer von uns. Als Mitglied der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und als Versichertenvertreter ist er stellvertretender Vorsitzender der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft, kurz BG BAU. Die BG BAU ist die gesetzliche Unfallversicherung für die Bauwirtschaft und baunahe Dienstleistungen in Deutschland. Sie ist das neue Dach, unter dem die Arbeit auf den deutschen Baustellen sicherer werden soll. Entstanden ist die BG BAU durch die Fusion der sieben Bau-Berufsgenossenschaften und der Tiefbau-Berufsgenossenschaft zum 1. Mai 2005. Sie ist, wie die Kranken- und Rentenversicherung, eine Säule im deutschen Sozialversicherungssystem und wird wie diese selbst verwaltet. Gewählte Vertreter der Unternehmer und Versicherten garantieren durch ihre Arbeit in Vertreterversammlung und Vorstand die Wahrnehmung der branchenbezogenen Interessen. „Branchenbezogene Interessen“, davon können sie alle ein Lied, nein: viele Lieder singen, die Kolleginnen und Kollegen in der IG BAU, die sich für Arbeits- und Gesundheitsschutz engagieren. Michael Schülzky aus Berlin zum Beispiel, hat zusammen mit einer Handvoll Kollegen auf dem 19. Ordentlichen Gewerkschaftstag im Oktober 2005 in Bonn unermüdlich am AGUS-Stand für die gute Sache geworben. AGUS steht für „Arbeitskreis zum Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz“. Ein gutes Dutzend solcher Arbeitskreise gibt es schon in den IG BAU-Bezirksverbänden quer durch die Republik. Aber es sollen noch viel, viel mehr werden. Michael Schülzky gibt dazu gerne Tipps und Anregungen (E-mail: schuelz-ky.agus@web.de). In Berlin touren er und seine Kollegen immer wieder über Baustellen und Versammlungen, klären auf und informieren. „Manchmal ist es erschreckend, wie sich die Malocher behandeln lassen. Und dann siehst du sie in der S-Bahn sitzen, total fertig und in ihren verdreckten, versauten Arbeitsklamotten, weil sie sich noch nicht mal am Arbeitsplatz umziehen und waschen können.“ Bei so einer Geschichte geht Jürgen Goldschmidt die Hutschnur hoch. Für den Bundesfachgruppenvorsitzenden der Branche Industrielle Dienstleistungen „kommt so etwas gar nicht in die Tüte. Die Arbeitgeber müssen die Arbeitskleidung zur Verfügng stellen, waschen und reinigen. Bei den Leiharbeitern ist da viel Sauerei, die kriegen die Sachen mit nach Hause, und die Schwiegermutter steckt sie dann in die Wäsche. Aber mit Asbestose ist nicht zu spaßen, das ist kriminell.“ Er weiß auch, manche bekommen Lohnabzüge für die Reinigung. Aber da läuft nix! Das ist verboten, das ist eine Schweinerei.“ Die Branche Industrielle Dienstleistungen ist in mancher Hinsicht – und mindestens, was die Schutzkleidung angeht – ziemlich vorbildlich. Weil sich die Beschäftigten buchstäblich aus der Scheiße hochgewühlt haben, weil sie viel mit Schad- und Gefahrstoffen zu tun haben, und weil sie zusammengestanden sind. Die ehemaligen Schmuddelarbeiter, die in der Chemie- und Montanindustrie anderen den Dreck wegräumen, haben sich emanzipiert. Schon 2001 wurde mit dem Arbeitgeberverband ein ökologischer Tarifvertrag vereinbart. Seitdem steht im Tarifvertrag, dass der Arbeitgeber die gesamte persönliche Schutzausrüstung stellt und reinigt.

Jede Sekunde zählt
Trotzdem, heil und friedlich wird die Welt davon alleine nicht. Da muss man aufpassen, nachhaken, hartnäckig sein, dem Chef, dem Vorarbeiter, dem Polier auf die Pelle rücken. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz steht täglich auf dem Prüfstand. Jeder Malocher trägt seine Haut und seine Gesundheit zu Markte. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Eine kleine Unachtsamkeit genügt. Eine einzige Sekunde nur, ein falscher Griff und einige Finger und manchmal sogar die ganze Hand sind abgesägt. Was folgt, sind ein langer Leidensweg, oft bleibende Schäden und die eingeschränkte Erwerbstätigkeit. Alleine in den letzten fünf Jahren gab es über 10 000 Verletzte an Baustellenkreissägen, viele davon schwer. Fast die Hälfte dieser 10 000 Unfallopfer haben eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20 Prozent und mehr. Die Behandlung ist aufwendig. Finger müssen angenäht, Gefäße, Sehnen und Nerven behandelt und Glieder häufig verschraubt werden. Nach der Wochen dauernden Wundheilung folgen Monate mit Ergotherapie und Krankengymnastik. Trotzdem bleiben oft Schäden zurück. Viele Unfallopfer klagen noch nach Jahren über Ruheschmerzen und Kältegefühl in den betroffenen Fingern, über eingeschränkte Beweglichkeit von Gelenken und verminderte Kraft in Armen und Händen. All das wegen einer Sekunde. Die BG BAU hat im letzten Sommer diese grausamen Verletzungen ins Visier genommen. „Sicher unter die Haube“ hieß die Aktion, mit der für die Verwendung selbsttätig schließenden Schutzhauben an den teuflischen Kreissägen geworben wurde.

Hören Sie mich?!?“
Ähnliche Horrorgeschichten gibt es Hunderte: Auch wenn es noch so unmännlich ist, vorbeugen ist besser. „Am wichtigsten ist die Prävention“, betont Rainer Prestin von der BG BAU. Da ist es gut, wenn es Kollegen oder Betriebsräte gibt, die auf so etwas achten. „Bei uns läuft keiner mit Turnschuhen rum, da achten wir drauf“, sagt zum Beispiel Lothar Wolfram, Betriebsratsvorsitzender und Dachdecker bei Xervon in Leverkusen (früher PeinigerRöRo). „Und alle halbe Jahre werden die Arbeitsschuhe ausgetauscht. Es ist unsere Gesundheit, und wir halten den Kopf und die Zehen hin.“ In Lothar Wolframs Betrieb haben die Dachdecker und Instandhalter immer zwei Garnituren Arbeitskleidung, ein externer Bekleidungsservice erledigt die Logistik. Geizig(er) ist die Firma aber bei der Winterbekleidung, ein Parka kostet um die 250 Euro. „Viel drunter ziehen“, heißt deshalb das Rezept im Betrieb. Manchmal muss man die Leute vor sich selber schützen. Für ein paar Euro Zulage machen die ihr Gehör kaputt – da muss man intervenieren“, meint Jürgen Goldschmidt. Hörschäden stehen in Deutschland an erster Stelle aller Berufskrankheiten. 42 000 lärmbedingte Rentenfälle waren 2004 in Deutschland registriert, das sind mehr als 37 Prozent aller für Berufskrankheiten gezahlten Renten. Auf die Baubranche entfallen dabei 21 Prozent der Lärmschwerhörigen. Fast jeder kennt sie, die Draufgänger- und Ist-mir-doch-egal-Geschichten. Um nicht als Weichei dazustehen, wird da manche gefährliche Aktion durchgezogen. „Für die zehn Minuten brauch ich kein Gerüst“, heißt es da. (Unfallquelle Nr. eins auf der Baustelle sind Gerüste.) Oder die Staubmaske wird den ganzen Tag getragen, obwohl sie längst voll ist. Oder: „Da schaut grad keiner, komm hau rein!“ Nicht immer gehen diese Mutproben gut, von denen nur der Chef am meisten profitiert (und natürlich von nichts gewusst hat, wenn es schief geht). Ein harmloses Beispiel: Erst nachdem er bis zu den Knöcheln im eigenen Schweißwasser stand und im Vollschutzanzug ohnmächtig wurde, verstand Brandsanierer Werner Kalluzzo den Sinn der Vorschrift, dass in einer solchen Montur innerhalb eines achtstündigen Arbeitstages nur zwei Stunden gearbeitet werden darf. „Ich hätte da auch draufgehen können, Kreislaufkollaps, Herzstillstand“, sagt er. Gefahrstoffverzeichnisse, Unterweisungen, Sicherheitskoordinatoren auf Baustellen, es gibt 1000 Stichworte, die helfen, gesund bis zur Rente durchzuhalten. Rudi Clemens aus Heinsberg tüfftelt an einem regionalen Netzwerk. „Fit für’s Leben“ nennt er den Informationspool, der gerade in kleinen und mittleren Unternehmen den Arbeits- und Gesundheitsschutz voranbringen soll. Vieles hängt an der Information“, sagt der stellvertretende BG BAU-Vorsitzende Rainer Prestin. „Wer Fragen hat, Probleme sieht oder erlebt, sollte sich an die Berufsgenossenschaft wenden oder an den Bezirksverband der IG BAU.“ Oder an Gerd Citrich, den jetzt in der IG BAU zuständigen Sekretär für Arbeitschutz- und Gesundheit. Er wird bundesweit nach dem Rechten sehen und betont: „Meine Baustelle ist die Baustelle.“

Tip: www.gesunde-bauarbeit.de

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