Arbeitssicherheit / Gesundheitsschutz


Wenn die Arbeit krank macht


© zplusz
08.04.2016
Stress am Arbeitsplatz kann krank machen und ist zu einem der größten Gesundheitsrisiken in der modernen Arbeitswelt geworden. Psychische Störungen, Depressionen, Burnout oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nicht selten die Folgen. Im schlimmsten Fall droht für die Betroffenen das Aus im Berufsleben.

Laut Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen nehmen psychische Erkrankungen zu. Während sie vor 20 Jahren noch nahezu bedeutungslos waren, sind sie heute die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen beziehungsweise Arbeitsunfähigkeit, belegt der BKK Gesundheitsreport 2015.

Die durchschnittliche Dauer psychisch bedingter Krankheitsfälle ist mit 39,1 Tagen dreimal so lang wie bei anderen Erkrankungen mit 13,3 Tagen. Auch sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Frühberentungen. Laut Deutscher Rentenversicherung Bund mussten 2014 fast dreimal so viele Menschen aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gehen wie 1993.

Überarbeitung und Leistungsdruck

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit sind viele Menschen an ihrem Arbeitsplatz enormem Leistungsdruck ausgesetzt und müssen stets „funktionieren“. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit, Ketten-Zeitverträge, Leistungsverdichtung, schlechter Arbeits- und Gesundheitsschutz oder die „schöne neue digitale Welt“ gehören zum Arbeitsalltag vieler Menschen. Und nicht zu vergessen die Überstunden.

Laut einer Sonderauswertung des DGB-Index „Gute Arbeit“ im Februar dieses Jahres arbeitet jeder vierte Vollzeitbeschäftigte in Deutschland 45 Wochenstunden und mehr. Jeder sechste Beschäftigte sogar mehr als 48 Stunden pro Woche. Die gesetzlich zulässige Arbeitszeit beträgt nach dem Arbeitszeitgesetz maximal 48 Stunden pro Woche. Deutlich niedriger ist die tariflich festgelegte Arbeitszeit.

Die Tarifverträge erlauben in unterschiedlichem Ausmaß eine flexible betriebliche Arbeitszeitgestaltung. Nimmt man die von der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) betreuten Branchen unter die Lupe, sind überlange Arbeitszeiten in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Garten- und Landschaftsbau überdurchschnittlich weit verbreitet.

Menschen, die mehr als zehn Überstunden pro Woche „schrubben“, fühlen sich gehetzt. Ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind in Gefahr. Überarbeitung führt zu Konzentrationsmangel. Schlimme Arbeitsunfälle können die Folge sein. Grund genug für die IG BAU, in diesem Jahr im Rahmen ihres Schwerpunktthemas „Faire Arbeit Jetzt!“ ein noch größeres Augenmerk auf das Thema „Psychische Belastung am Arbeitsplatz“ zu legen. „Denn gute Arbeitsbedingungen und fairer Lohn müssen
eine Einheit sein, um die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu verringern“, sagt der Stellvertretende IG BAU-Bundesvorsitzende Dietmar Schäfers.

„Kick-off“ ist der 28. April. „Beim diesjährigen Workers Memorial Day, dem internationalen Gedenktag für Menschen, die durch einen Arbeitsunfall oder eine Berufskrankheit ihr Leben lassen mussten, steht dieses Thema beim ökumenischen Gottesdienst in der Berliner „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ ebenso im Mittelpunkt wie bei unserem Betriebsräteseminar am 28. und 29. April. Wir wollen unsere Kolleginnen und Kollegen für dieses Thema sensibilisieren und ihnen Tipps für ein betriebliches Gesundheitsmanagement mit an die Hand geben“, sagt IG BAU-Arbeits- und Gesundheitsschutzexperte Gerd Citrich.

Die Gefährdungsbeurteilung

Ein guter und geeigneter Ansatz für ein betriebliches Gesundheitsmanagement ist die im Arbeitsschutzgesetz vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung.
Mit ihr kann herausgefunden werden, wo Gefahren für die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten liegen. Daraus können dann geeignete Schutzmaßnahmen abgeleitet werden. Durch Arbeitsplatzbeobachtungen oder Befragungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zeigt sich, wo der Schuh drückt. Wichtige Hinweise kommen auch von den Beschäftigten selbst – direkt über
Beschwerden oder indirekt durch hohe Fehlzeiten, häufige Fluktuation oder Konflikte
zwischen den Beschäftigten.

Erfahrungsberichte aus der Praxis

Bauberufe
sind hinsichtlich vieler Aspekte für die Psyche belastender als viele andere Berufe. Dies geht aus dem „Stressreport 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (www.baua.de) hervor, für den 20 000 Erwerbstätige befragt wurden. So gaben 59 Prozent der befragten Bau-Arbeitnehmer an, häufig unter starkem Termin- und Leistungsdruck zu arbeiten (Durchschnitt aller Befragten: 52 Prozent), und 25 Prozent arbeiten häufig an der Grenze der Leistungsfähigkeit
(Durchschnitt aller Befragten: 16 Prozent). Ihren Gesundheitszustand als negativ empfanden 18 Prozent (Durchschnitt aller Befragten: 14 Prozent).

Ziegelindustrie:
Hier haben im Laufe der Jahre Automatisierung und Digitalisierung Einzug gehalten. Alfred Mirlach, Ziegeleifachwerker aus Neufahrn,weiß: „Früher hab en 20 bis 25 Personen an einem Produktionsschritt für die Ziegelherstellung gearbeitet. Heute macht das ein Areitnehmer mithilfe von Automaten und rovotern alleine. Durch die modernen Maschinen hat sich auch die Produktivität erhöht. Die areitszeiten wurden umgestellt - von Normalarbeitszeit auf drei Schichten.
Der Samstag ist mittlerweile Regelarbeitstag. Darunter leiden auch das Familienleben und die sozialen Kontakte.
Gerade für über 55-jährige Arbeitnehmer ist die physische und psychische Belastung sehr hoch. Ich wünsche mir, dass die Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte in Sachen psychische Belastung am Arbeitsplatz besser qualifiziert werden."

Aus der Forstwirtschaft berichtet Siegfried Rohs, Forstwirtschaftsmeister aus Obererbach:
„Uns Forstwirten werden immer mehr Arbeitsbereiche und damit auch Verantwortung aufgebürdet. Zu den klassischen Tätigkeiten, wie der Holzernte, Wald- und Landschaftspflege, kommen neue Aufgaben, wie zum Beispiel Waldführungen mit Schulklassen, technische Produktion, Bestandsauszeichnung und –vorbereitung, der Bau sowie die Instandhaltung von Erholungseinrichtungen, hinzu.

Problematisch ist die Delegation von Verantwortung auf die Forstwirte. Das heißt, die Kollegen und Kolleginnen müssen heute Verantwortung tragen, die noch vor fünf bis zehn Jahren bei Revierleitern
und Meistern angesiedelt war. Diese Abwärtsdelegation von Verantwortung hat auch rechtliche Konsequenzen und kann im Extremfall dazu führen, dass der Forstwirt auch für Personenschäden persönlich zur Rechenschaft gezogen wird.

Eine rasante Entwicklung fand auch im technischen Bereich statt. Die Arbeit auf Spezialmaschinen mit Bordcomputern und mobilen Datenerfassungsgeräten gehört heute zum Standard und fordert insbesondere die älteren Kollegen stark. Und beim Arbeitsschutz werden die Vorschriften umfangreicher, Arbeitsabläufe
und Standards komplexer, was enormen psychischen Druck aufbaut. Kommen dann noch Unzulänglichkeiten in Prozessen und Kompetenzen der anderen Mitglieder der Verantwortungsgemeinschaft hinzu, steigt der psychische Stress noch mehr an und kann auch krankmachen.“

Im Gebäudereiniger-Handwerk ist die Leistungsverdichtung ein wichtiges Thema. Die IG BAU führt mit den Arbeitgebern darüber Gespräche. Michael Utz, Gebäudereiniger aus Augsburg, ist Mitglied der IG BAU-Expertengruppe und sagt: „Vereinfacht gesagt ist Leistungsverdichtung nichts anderes als mehr Arbeit innerhalb derselben Zeit. In der Gebäudereinigung wurden zum Beispiel im Jahre 2000 noch hundert Quadratmeter für eine bestimmte Zeit, zum Beispiel eine Stunde, fest- oder angelegt.

Heute, im Jahre 2016, muss eine Reinigungskraft in den meisten Fällen bereits 400 Quadratmeter oder sogar das Fünffache der Fläche bewältigen, bei oftmals starkem und ständig zunehmendem Druck. Und dann die permanente Befürchtung vor mahnenden Worten des Chefs wegen nicht zufriedenstellender Leistungen. Dieser Druck macht krank. Körperlicher Verschleiß und Depressionen sind die Folgen. Darum setzen wir, die Expertengruppe der IG BAU, uns dafür ein, die Bedingungen und Attraktivität unserer Branche und damit den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer zu verbessern. Getreu dem Motto: ‚Sauberkeit braucht ihre Zeit!‘“

Ein Beitrag unserer Kollegin Gerlinde Dickert in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", 04/2016.