Georg-Leber-Preis für Zivilcourage


Wolfgang Thierse mit Georg-Leber-Preis ausgezeichnet

Wolfgang Thierse, Laudatorin Manuela Schwesig und IG BAU-Vorsitzender Klaus Wiesehügel (von links)
Wolfgang Thierse, Laudatorin Manuela Schwesig und IG BAU-Vorsitzender Klaus Wiesehügel (von links) © Steffen Weiss
17.06.2013
Für sein vorbildliches demokratisches Engagement ist Wolfgang Thierse am 17. Juni in Berlin mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet worden. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) verleiht in diesem Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Preis erstmals in Andenken an den langjährigen herausragenden Vorsitzenden der Baugewerkschaft Georg Leber, der 2012 im Alter von 91 Jahren verstorben ist.

Der IG BAU-Bundesvorsitzende Klaus Wiesehügel begründete die Ehrung mit dem aufrechten Einstehen Wolfgang Thierses für das Recht aller Bürger auf friedlichen und gewaltfreien Protest sowie seinem couragierten Einsatz für Freiheit und Demokratie. Er nannte Thierse einen Menschen, der sich „mit viel Kraft und auch Mut unbequem zu sein, für seine Ideale einsetzt, selbst, wenn es für ihn persönliche Nachteile mit sich bringt.“

Persönlicher Mut jedes Einzelnen für seine Rechte aufrecht einzustehen, sei im Arbeitsleben ebenso erforderlich wie im Politischen. Nicht zufällig werde der Preis am 17. Juni in Berlin an der Karl-Marx-Allee verliehen. Hier habe der Volksaufstand in der DDR vor 60 Jahren, ausgehend von dem Protest der Bauarbeiter gegen die staatlichen Normerhöhungen, seinen Ausgang genommen, unterstrich Wiesehügel.

Die Arbeitsministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, hielt die Laudatio auf den Bundestagsvizepräsidenten und SPD-Politiker Thierse. Sie würdigte ihn als einen Menschen, „der mit seinen Einmischungen, Einwänden und seinem Eintreten für die ostdeutschen Belange ein Orientierungspunkt ist. Demokratie ist kein Zustand, in dem wir uns einrichten dürfen. Sondern ein Prozess, in dem wir Bürgerinnen und Bürger eine Eigenverantwortung tragen. Sie braucht die Zivilgesellschaft. Diese Einmischung und diese aktive Verantwortung des Bürgers lebt Wolfgang Thierse selbst in einer Form, wie wir sie bei nur wenigen anderen Politikern in Amt und Würden heute erleben. Dabei eckt er auch mal an und ist in einer Art und Weise unbequem, wie eine Gesellschaft es braucht.“

Manuela Schwesig erinnerte an die Weigerung Thierses im Jahr 1976 als damaliger parteiloser Mitarbeiter im Ministerium für Kultur der DDR mit seiner Unterschrift die Ausbürgerung Wolf Biermanns gutzuheißen. „Dieser Akt der Zivilcourage kostete ihn seine Arbeitsstelle“, sagte sie. Ebenso stellte sie Thierses Engagement gegen Rechtsextremismus heraus. Vor rund drei Jahren nahm er an einer Sitzblockade gegen einen Aufmarsch von NPD-Anhängern teil. „Mit diesem Protest nahm Wolfgang Thierse in Kauf, das er in die öffentliche Kritik geraten würde. Er versteckte sich aber nicht hinter der vermeintlichen Neutralität seines Amtes als Bundestagsvizepräsident, sondern mischte sich ein. Für Wolfgang Thierse sind das keine Gegensätze. Beides vereint sich in ihm in seiner Person“, sagte Manuela Schwesig.

In seiner Rede erinnerte Wolfgang Thierse an den Namensgeber des Preises Georg Leber. Dieser habe eine bewegende Lebensgeschichte, die viel zu tun habe mit sozialdemokratischer Politik und deren Leistungen. „Georg Leber hat den Aufstieg geschafft vom Arbeiterkind zum Gewerkschaftsvorsitzenden bis hin zum Bundesminister“, sagte Thierse. „Er war ein Mann der Kampfeskraft und der Überzeugungsstärke.“

Wolfgang Thierse ging auch auf den Jahrestag des Arbeiteraufstands des 17. Juni 1953 ein. „Dieser Tag ist ein wichtiges Datum für Freiheit, Demokratie und die Geschichte der Arbeiterbewegung. Der 17. Juni 1953 verpflichtet uns noch heute. Freiheit und Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen. Gerechtigkeit kann nicht durch Preisgabe der Freiheit erzwungen werden. Ebenso ist die Grundlage der Freiheit Gerechtigkeit. Die gleiche Freiheit aller, das ist ein anderer Ausdruck für Gerechtigkeit. Dazu gehören gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West ebenso wie menschenwürdige Löhne, Mindestlohn und angemessene Renten. Die Lohnspaltung muss nicht der dauerhafte Preis der Freiheit sein“, betonte Thierse vor den rund 250 anwesenden Gewerkschaftern bei der Preisverleihung.

Der Jahrestag des Arbeiteraufstandes mahne zudem zur Solidarität mit denjenigen, die heute auf die Straße gehen. „Die Demokratie geht kaputt, wenn man sie nicht wahrnimmt“, mahnte Thierse. „Man darf sich nicht mit dem Desinteresse, mit einer Zuschauerdemokratie abfinden. Für die Forderung nach demokratischen Rechten haben Menschen vor 60 Jahren ihr Leben geschenkt.“

Georg Leber hat sich als Gewerkschafter, Bundesminister und Katholik für eine freie, soziale und demokratische Gesellschaft eingesetzt. Freiheit setzt voraus, dass es immer wieder Einzelne geben muss, die den Mut aufbringen, diese einzufordern. Die IG BAU ehrt im Namen von Georg Leber Menschen, die in herausragender Weise Zivilcourage gezeigt haben und damit anderen als Vorbild dienen, für ihre Überzeugungen einzustehen. In diesem Jahr wird der Georg-Leber-Preis für Zivilcourage zum 60. Jahrestag des Aufstandes vom 17. Juni 1953 verliehen, im Gedenken an die Arbeiter der DDR, die gegen die Zumutungen der Staatsgewalt und für ihre Freiheit protestiert haben.

 

Im Vorfeld der Preisverleihung legte eine Delegation der IG BAU zum Gedenken des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 einen Kranz am Mahnmal in Berlin nieder.
© Steffen Weiss

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