Internationales


150 Sekunden Todesangst

Solidarität mit japanischer Baugewerkschaft

Voller Einsatz: Bauarbeiter erstellen Behelfsbauten in der Unglücksregion<br />© IG BAU
Voller Einsatz: Bauarbeiter erstellen Behelfsbauten in der Unglücksregion
© IG BAU
07.05.2012
Wenn ein Naturereignis mit dem Beinamen "Groß" bezeichnet wird, bedeutet das selten etwas Gutes. so war es bei dem Großen Beben von San Francisco im Jahr 1906, und so ist es auch in Japan. An den Folgen des Unglücks tragen die Menschen noch Jahrzehnte.

Die Katastrophe vor einem Jahr nennen die Japaner inzwischen das Große Erdbeben. Mit seiner verheerenden Kraft zeigte es, wie verletzlich die Menschheit gegenüber der Natur ist – trotz allem vermeintlichen Schutzes der modernen Technik. Als die Erde in Ostjapan am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit mit einer bisher nicht gekannten Stärke und Dauer schwankte, litten Millionen Menschen für 150 Sekunden Todesangst. Dann erhob sich das Meer und für Tausende gab es keine Rettung. Welche Folgen die Reaktorschäden am Ende haben werden, vermag noch niemand abzusehen. Wer am 11. März 2011 in sicherer Entfernung war, verfolgte das Unglück ohnmächtig auf den Fernsehbildschirmen. Gedanken und Ängste galten der Familie, Freunden und Kollegen.

Hilfe für japanische Baugewerkschaft

Ein Jahr nach dem Großen Beben ziehen die Mitglieder der japanischen Baugewerkschaft ZENKENSOREN traurige Bilanz. 79 Mitglieder kamen ums Leben oder gelten seitdem als vermisst. 154 Familienangehörige der organisierten Bauarbeiter starben oder sind verschollen. Von dem Ereignis und seinen schrecklichen Folgen tief betroffen übermittelte der IG BAU-Bundesvorsitzende Klaus Wiesehügel den japanischen Kolleginnen und Kollegen umgehend die Anteilnahme und das Mitgefühl der IG BAU. Gleichzeitig brachte die IG BAU über ihre Stiftung Soziale Gesellschaft – Nachhaltige Entwicklung eine Spende von 30 000 Euro als Hilfe für die betroffenen ZENKENSOREN-Mitglieder und deren Angehörige auf den Weg. Weitere 10 000 Euro gingen an den vom internationalen Dachverband Bau- und Holzarbeiter Internationale aufgelegten Hilfsfonds zugunsten der Katastrophenopfer.


Bereits am Tag des Großen Bebens hatte ZENKENSOREN einen Krisenstab zur Koordinierung von Hilfsmaßnahmen unter der Leitung des früheren Vorsitzenden des Exekutivausschusses Hideo Tamura eingerichtet. Mit vollem Einsatz widmen sich die Kolleginnen und Kollegen der japanischen Baugewerkschaft seitdem der Unterstützung ihrer in Not geratenen Mitglieder. Zu Anfang bestanden die Sofortmaßnahmen in provisorischer Hilfe wie dem Abdecken von beschädigten Häusern mit Plastikplanen und der Bereitstellung der notwendigsten Dinge des täglichen Bedarfs. Der Einsatz galt insbesondere den am stärksten betroffenen Regionen im Nordosten – den Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima. Zudem halfen die ZENKENSOREN-Mitglieder, den Verbleib von evakuierten Kollegen und deren Angehörigen zu klären. Eine belastende Arbeit, die nur sehr langsam Fortschritte brachte, weil die Schäden groß waren und die Lage unübersichtlich.

Große Dankbarkeit: Das ZENKENSOREN-Arbeitsteam freut sich über die Spende der IG BAU.

Freiwillige im Einsatz

Es blieb nicht allein bei ersten Hilfsmaßnahmen. In Iwate, der nördlichsten der drei Präfekturen reparierten Freiwillige aus dem ganzen Land unentgeltlich vom Tsunami beschädigte Wohnungen. In Miyagi belieferten Gewerkschafter die in den Küstengebieten und den abgelegenen Inselregionen lebenden Mitglieder mit Hilfsgütern wie Generatoren und Treibstoff.

Hunderte ZENKENSOREN-Mitglieder und deren Angehörige trafen die Folgen des Bebens jedoch erst später. Die durch den Tsunami verursachte Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima zwang sie, ihre Häuser und Wohnungen in der Evakuierungszone zu verlassen. Noch immer müssen rund 500 Familien in der Evakuierung ausharren. Für die Mitglieder der Küstenregion organisierte die Gewerkschaft erfolgreich den Bau von Übergangswohnungen in Holzbauweise. Die einfachen Fertigbauten haben die evakuierten Mitglieder hauptsächlich in eigener Regie errichtet und durch ihre Tätigkeit neben einer Behausung auch etwas innere Ruhe gefunden. Gleichzeitig sicherte das Engagement auch Arbeitsplätze und konnte zudem den Verantwortlichen in den Kommunen vor Augen führen, über welch organisatorisches und handwerkliches Geschick die Baugewerkschafter verfügen.

Ihren Einfallsreichtum und Organisationstalent stellten sie darüber hinaus in der Initiative „Werkzeugspenden“ unter Beweis. Diese löste eine landesweite Welle von Hilfssendungen aus. Die Solidarität, die sich darin spiegelte, machte den Betroffenen Mut, mit dem Aufräumen und Wiederaufbau fortzufahren. Inzwischen haben sich Kooperativen gegründet. Gewerkschafter deren Werkstätten verschont geblieben sind, arbeiten dort gemeinsam mit ihren Kollegen aus den zerstörten Gebieten. Eine Solidarität unter Gewerkschaftern, für die die Betroffenen große Dankbarkeit empfinden.

Ende Mai werden sich Klaus Wiesehügel, Bärbel Feltrini und Harald Schaum selbst ein Bild von der gegenseitigen Hilfe und von den Wiederaufbauarbeiten machen. Gleichzeitig reisen die IG BAU-Vorstände aber auch nach Japan, um dort über die energetische Gebäudesanierung in Deutschland zu berichten. Das Interesse dafür ist in Japan groß. Die Techniken zeigen nicht nur Chancen auf, CO2-Emissionen zu verringern und damit das Klima zu schonen. Sie machen das rohstoffarme Land auch unabhängiger von Ölimporten und Atomstrom.

Ein Beitrag unseres Kollegen Ruprecht Hammerschmidt in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säüemann", Ausgabe Mai 2012.