Internationales


Blick zum Bosporus: Bauarbeiter stürzen in den Tod

Istanbul: Bau-Boom am Bosporus
Istanbul: Bau-Boom am Bosporus © b_engel
17.09.2014
In der Türkei ereignete sich am 6. September wieder ein schwerer Arbeitsunfall. Zehn Bauarbeiter kamen beim Absturz eines Fahrstuhls aus dem 32. Stockwerk ums Leben. Diesmal war es ein Arbeitsunfall auf einer Hochhausbaustelle in Istanbul. Dort wird von der Fa. Torun ein 42-stöckiiger Wolkenkratzer mit Luxuswohnungen gebaut.

Laut Berichten türkischer Medien gab es schon seit einigen Wochen Probleme bzw. der Aufzug hatte einen Defekt. Der Unfall ereignete sich außerhalb der üblichen Arbeitszeit. Der Chef des Unternehmens, Aziz Torun, gab den Arbeitern die Schuld am Unfall, sie sollen angeblich die Sicherheitsmaßnahmen nicht ernst genommen haben.

Neun der Zehn umgekommenen Bauarbeiter waren jünger als 30 Jahre. Einer der Arbeiter war ein Student, der nebenbei noch arbeiten musste, um sein Studium zu finanzieren. Unvergessen ist auch noch der schreckliche Arbeitsunfall im Mai: Bei einem schweren Grubenunglück in der Stadt Soma starben 301 Bergleute. In dem Bergwerk wurden schwere Sicherheitsmängel festgestellt.

Seit 19 Jahren verweigern die türkischen Regierungen internationalen Verträgen zum Schutz in den Bergwerken ihre Unterschrift. Der türkische Arbeitsminister hat kürzlich noch den Behörden für die Untersuchung des Soma-Grubenunglücks untersagt, die Staatlichen Inspekteure auf Mitverschuldung zu kontrollieren.

Auf der Baustelle arbeiten 1.500 Arbeiter und es existiert eine Arbeitsgenehmigung für 24 Stunden, noch vor kurzem hat der Gouverneur von Istanbul dies erlaubt. Die Frau eines umgekommenen Arbeiters sagte gegenüber einer türkischen Nachrichtenagentur, dass ihr Mann ihr davon erzählte, dass der Aufzug seit langem defekt ist und dies auch allen Verantwortlichen bekannt war. Dieser Bauarbeiter verdiente gerade mal knapp 1200 Lira (400 €).

Der Aufzug stürzte schon einmal in die Tiefe, nur damals war er leer. Trotz dieser Ereignisse hat sich die Baufirma Torun nicht um die Behebung dieser Sicherheitsmängel gekümmert. Die Bauarbeiter übernachten in Containern, der eigentlich Platz für 5 Personen hat, jedoch leben sie dort immer in 10-er Gruppen.

Die türkische Bauarbeitergewerkschaft gibt an, dass die Bauverantwortlichen der Torunlar-Holding ihren Profit seit 2013 um 900 Prozent geteigert haben - auf Kosten der schlechten Arbeitsbedingungen.

Die Generalsekretärin der DISK, Arzu Cerkezoglu hat zu den Arbeitsunfällen erklärt: Hauptschuldige an diesen Morden ist die AKP, weil sie auch die Stadt in eine Baustelle und Kapitalanlage verwandelt.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat festgestellt, dass die Türkei bei tödlichen Arbeitsunfällen weltweit auf Platz drei, und in Europa Spitzenreiter ist. Im Jahr 2013, von Januar bis zum Juli, wurden 1100 tödliche Arbeitsunfälle registriert, davon 200 auf Baustellen.

In der 12-jährigen Regierungszeit der AKP kamen über 14.000 Arbeiter bei Arbeitsunfällen ums Leben. Die Arbeitsunfälle sind in den letzten Jahren auch aufgrund der neoliberalen Politik der AKP- Regierung enorm gestiegen. Privatisierung, prekäre Arbeitsverhältnisse und Subunternehmertum haben sich unter der islamisch-konservativen Regierung der AKP verstärkt.

Eine der ersten wirtschaftlichen Handlungen der AKP war die Aufhebung der Arbeitsschutzgesetze. Mit diesem Gesetz vom 22. Mai 2003 wurden die Rechte der Beschäftigten minimiert, Gewerkschaften weiter geschwächt, eine Beschäftigung auf Abruf eingeführt, befristete Arbeitsverhältnisse und der Niedriglohnsektor stark ausgeweitet. Während 2002 insgesamt 387.000 Beschäftigte von Subunternehmern eingesetzt wurden, wuchs die Zahl in 2013 auf mehr als 2,5 Millionen. Auch wurden viele Streiks von der AKP-Regierung verboten, wie zum Beispiel der Streik der Beschäftigten der Turkish-Airlines.


Ein Beitrag unseres Kollegen Mahin Sahir.