Arbeit und Wirtschaft


Die Lohnmauer muss endlich fallen!


© IG BAU (Alexander Paul Englert)
14.10.2014
Vor 25 Jahren bahnte sich das Ende der DDR an. Ungarn öffnete im September die Grenzen, und wenige Tage später konnten auch die Flüchtlinge aus der Prager Botschaft in den Westen ausreisen. Der Freiheitswille und die Hoffnungen dieser Menschen waren stärker als ihre Angst vor der Unsicherheit. Niemand von ihnen konnte damals wirklich wissen, was ihn erwartet.

Für viele Tausend Menschen stand aber offensichtlich fest: Alles wäre besser, als zurück in die DDR zu müssen. Ein Staat, der ihnen vielleicht Sicherheit, aber eben keine Freiheit bot. In der Folge wurde der Ruf nach freien Wahlen und Freizügigkeit lauter und öffnete schließlich die Schlagbäume an der innerdeutschen Grenze.

Daraus entwickelte sich eine Dynamik, in deren Folge sicher einiges schief lief. Der unlängst vorgelegte Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit belegt dies deutlich. Trotz Soli-Fonds und neuer Infrastruktur ist es innerhalb einer ganzen Generation nicht gelungen, die ökonomische Lücke zu schließen. Nach wie vor liegt die Wirtschaftskraft im Osten ein Drittel unter der im Westen, berichtet die Regierung. Das Steueraufkommen ist entsprechend niedriger und die Arbeitslosigkeit höher.

Seit Jahren verändert sich dieser Abstand kaum. Das liegt auch daran, dass nur wenige Großbetriebe im Osten produzieren. Geringere Personalkosten waren als Standortvorteile gedacht, erzielten aber nicht die erhoffte Wirkung. Dennoch wird uns weiter vorgegaukelt, dass die alten Rezepte doch noch helfen sollen, den Abstand zwischen Ost und West zu verringern.

Insbesondere Lohnverzicht der Ost-Beschäftigten wird weiterhin als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit gefordert. Dabei beweist doch gerade ein Vierteljahrhundert innerdeutsche Lohngrenze, dass niedrigere Einkommen eben nicht zur Angleichung auf dem Arbeitsmarkt taugen. Trotz Lohnverzichts liegt die Arbeitslosenquote im Osten mit 10,3 Prozent immer noch deutlich höher als im Westen mit sechs Prozent.

Es ist überfällig, dass wir einen anderen Weg gehen. Die Löhne müssen auf das Westniveau steigen. Das ist nicht nur gerecht, weil die Leistung etwa einer Gebäudereinigerin in Halle nicht weniger Wert ist als die einer Kollegin in Hof. Es ist auch wirtschaftlich klug, weil es den Konsum ankurbelt. In der Stärkung der Binnennachfrage liegt die Chance auf zusätzliches Wirtschaftswachstum. Wir dürfen deshalb nicht müde werden, dafür zu kämpfen, dass die Lohngrenze zwischen Ost und West endlich fällt.

IG BAU-Bundesvorsitzender Robert Feiger in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe 10/2014.