Arbeit und Wirtschaft


Gute Aussichten für Berufseinsteiger


© Bundesagentur für Arbeit
07.11.2012
Werden Auszubildende und Fachkräfte in Ostdeutschland rar? Und welche Chancen bieten sich Arbeitern dadurch? Die IG BAU sprach darüber mit Lutz Mania, Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit - Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.

IG BAU: Gibt es inzwischen in den ostdeutschen Ländern einen Mangel an Fachkräften und Auszubildenden?
Lutz Mania: Eindeutig ja. In Ostdeutschland ist mit einem gewaltigen Umbruch zu rechnen. Wesentliche Gründe sind die hohe Abwanderung in den 1990er Jahren und die geburtenschwachen Jahrgänge nach der Wende. In den nächsten Jahren wird der Teil der Beschäftigten der 50 Jahre und älter ist, stärker in den Ruhestand gehen als in den vergangenen Jahren. Gleichzeitig haben wir durch die geburtenschwachen Jahrgänge weniger Zugänge in das erwerbsfähige Alter. Bis 2020 droht in den neuen Ländern ein Rückgang des Erwerbspersonenpotentials um circa ein Viertel. In Sachsen-Anhalt ging die Zahl der Bewerber für einen Ausbildungsplatz von fast 30 000 im Jahr 2006 auf rund 14 000 im Jahr 2012 zurück, das heißt, eine Halbierung innerhalb von sechs Jahren. Wir werden insgesamt weniger, darum muss sichergestellt werden, dass die Wenigen, die wir haben, hoch qualifiziert sind und dass wir jedem jungen Menschen einen Berufs- oder Hochschulabschluss ermöglichen.

Wie ist die Situation in den Branchen Bauen und Agrar in Ostdeutschland?
In der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau kommen in Sachsen-Anhalt 40 Arbeitslose auf eine freie Stelle. Und es gab einen radikalen Abbau in diesem Bereich von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre. Aber wir haben im Arbeitslosenbestand ausreichend viele Menschen, die wir qualifizieren können. In Hoch- und Tiefbauberufen sind wir bei einem Verhältnis von 15 Bewerbern auf eine Stelle. Wir können da momentan keinen wirklichen Engpass sehen. Anders ist es bei den Auszubildenden: Weil viele ältere Arbeitnehmer aus dem Berufsleben ausscheiden, haben wir heute schon einen Stellenüberschuss bei Ausbildungsberufen.

Was machen ostdeutsche Unternehmen, um Arbeitskräfte zu finden?
Unsere Unternehmen schauen bei den Jugendlichen nicht mehr nur auf die schulischen Leistungen, sondern auch auf die Kernkompetenzen. Da haben wir in den vergangenen Jahren viel arbeiten müssen, damit sich die Einstellung ändert. Inzwischen werben die Unternehmen wie verrückt, gehen in Schulen, bieten Probetage an. Die Löhne steigen schon, das ist aber ein sehr langwieriger Prozess. Die Rahmenbedingungen sind nicht immer einfach. Der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen mit unter 50 oder gar unter 20 Beschäftigten ist in den neuen Bundesländern hoch. Und die sind so einfach nicht in der Lage, sich anzupassen und höhere Löhne zu zahlen. Bemühungen sind erkennbar und es gibt in einzelnen Segmenten schon Fortschritte.

Was könnten die Unternehmen zusätzlich tun, um Fachkräftemangel vorzubeugen?
Das wichtigste ist die Erstausbildung, denn Fachkräftesicherung funktioniert nur, wenn man Jugendliche an das Unternehmen heranführt und für eine bestmögliche Ausbildung sorgt. Es muss den Unternehmen auch darum gehen, eigene – auch ältere – Mitarbeiter zu qualifizieren und sie als Fachkräfte zu halten. Aber es gibt eine starke Konkurrenz um die klügsten Köpfe. Da müssen Arbeitgeber nicht nur mit ihren Produkten, sondern auch als Unternehmen in den Wettkampf gehen. Da spielen zum Beispiel der Verdienst und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle. Das Unternehmen muss heute definieren, was einen guten Arbeitgeber ausmacht, sonst hat es kaum Chancen, in diesem Wettbewerb zu bestehen.

Gibt es einen Wettbewerb zwischen den ostdeutschen Bundesländern um Fachkräfte? Welche Länder sind dabei am erfolgreichsten?
Dass Menschen in ein anderes Bundesland zum Arbeiten pendeln, ist überhaupt nicht schlimm, weil das in beide Richtungen funktioniert. Was wir aber merken ist, dass die ostdeutschen Länder schon in Konkurrenz zueinander treten. Man kann keine großen Wanderungsbewegungen erkennen, aber man kann sehen, dass es große Kernzentren gibt. Das sind insbesondere Städte wie Dresden, Leipzig, Jena, Weimar oder Halle. Ein Ranking kann man momentan nicht aufstellen, aber Sachsen und Thüringen sind für Berufstätige vermeintlich die lukrativeren Länder.

Wie gut stehen die ostdeutschen Länder bei den „weichen“ Standortfaktoren da?
Wir haben nicht die massive Anzahl von Großstädten wie die alten Bundesländer, aber die Kommunen geben sich Mühe, ein attraktives Angebot zu schaffen. Dass wir nicht so eine ausgeprägte Szene haben wie Berlin oder München, daran werden wir wenig ändern können. Wir haben aber schon ein hohes Maß an Sicherheit, was die Entwicklung in den neuen Ländern angeht. Das kann durchaus als Chance gesehen werden. Die Region entwickelt sich ja auch mit den Jugendlichen – die werden in der Politik und in den Unternehmen mitgestalten und mitentscheiden können. Das ist eine Chance, welche die neuen Bundesländer mehr bieten als die alten.

Raten Sie ostdeutschen Schulabgängern, die eine Lehrstelle suchen, vor Ort zu bleiben oder sich in anderen Bundesländern umzuschauen?
Sie sollten versuchen, vor Ort zu bleiben. Es ist immer eine schwierige Frage, ob man das Umfeld wechseln will: Fühle ich mich woanders wohl, habe ich ein familiäres Umfeld, habe ich einen Freundeskreis? Das habe ich vor Ort. Das sind Werte, die Rückhalt schaffen und die wichtig sind. Es gibt genügend Möglichkeiten in der Region und die kann man ausloten. Die Chance, nach der Ausbildung im Unternehmen zu bleiben, steigt durch die demografische Entwicklung extrem. Auch die Aufstiegschancen in den Unternehmen sind wirklich sehr günstig. Es gibt aber natürlich auch Berufe, für die in den neuen Bundesländern gar keine Ausbildung angeboten wird. Aber dann wäre es schön, wenn diejenigen, die weg gehen, irgendwann mit ihrer Erfahrung zurück in den Osten kämen.

Das Interview (Kurzfassung in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann 11/2012" führte Julian Fath).