Arbeit und Wirtschaft


Hey Chefs, wacht mal auf!

Klaus Völter, 63, Meister und Betriebsrat im ABC Bau Ausbildungszentrum Rostock
Klaus Völter, 63, Meister und Betriebsrat im ABC Bau Ausbildungszentrum Rostock © © zplusz
16.11.2012
Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch heim - so könnte ein neuer Schlagerhit in Deutschlands Osten lauten. Die Angst vor einem drohenden Fachkräftemangel treibt dort besonders bunte Blüten, Aktionismus macht sich breit.

April 2012

Reiner Haseloff hat eine Mission: Der Christdemokrat ist Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und in dieser Funktion möchte er seine in den Westen abgewanderten Landeskinder zurücknach Hause holen. Dafür macht er sich auf den Weg nach Stuttgart. Eine „Rückkehrprämie“ gibt es nicht, macht er im Gespräch mit Presse und Exil-Sachsen-Anhaltinern klar, aber gute Zukunftsperspektiven. Haseloffs Reise nach Baden-Württemberg ist Teil einer groß angelegten Imagekampagne und nicht die erste Werbetour, mit der Sachsen –Anhalt gemäß dem Slogan „Wir stehen früher auf“ Fachkräfte ins Land (zurück)locken möchte. die anderen Ost-Bundesländer stehen dem in nichts nach. Gemeinsam treibt sie die Angst vor einem drohenden Fachkräftemangel um.

Weniger Arbeitskräfte

Der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2012 bringt es zum Thema „Fachkräftemangel“ auf den Punkt: „In den kommenden Jahren ist jedoch mit einer Zuspitzung zu rechnen, da sich der demografisch bedingte Rückgang an Arbeitskräften in den ostdeutschen Ländern infolge von Geburteneinbruch und Abwanderung nach der Wiedervereinigung schon früher und auch erheblich stärker niederschlagen wird als im westlichen Bundesgebiet.“

Die Zahlen sprechen bereits jetzt für sich. Allein im Baugewerbe ist die Anzahl der Auszubildenden im Vergleich zum Vorjahr laut SOKA-BAU um 8,5 Prozent gesunden (Stand 30. September 2012). In den alten Bundesländern bleib die Zahl konstant. Darüber hinaus mehren sich Meldungen, dass ostdeutsche Firmen immer öfter Rrobleme haben, gut ausgebildetes Personal zu finden.

Mit demografischen Gründen allein lässt sich diese entwicklung nicht erklären. Die deutlichen Verdienstunterschiede zwischen Ost und West tun ihr Übriges. Groben Schätzungen zufolge leben derzeit etwa 1,5 Millionen Ostdeutsche, die nach der Wende abgewandert sind, in Westdeutschland. Hinzu kommen rund 400.000 Pendler. Es gilt, diese wieder zurückzulocken.

Agenturen werden beauftragt, Kampagnen entwickelt, Slogans präsentiert – wie etwa „Wir stehen früher auf“ (Sachsen-Anhalt), „Mecklenburg-Vorpommern hat Zukunft“ oder „Thüringen: Hier hat Zukunft Tradition“. Und die sächsische Fachkräftebörse wirbt gar mit dem Motto „Sachse komm zurück“. Die Rückholaktionen lassen sich die Initiatoren einiges kosten – knausriger geben sich die Unternehmen bei der Bezahlung ihrer Beschäftigten.

Vollzeitbeschäftigte in Sachsen verdienten im Jahr 2010 durchschnittlich 113 Euro weniger im Monat als im ostdeutschen Durchschnitt. Gegenüber dem westdeutschen Durchschnitt waren es sogar 880 Euro.

"Natürlich bekomme ich hier hautnah mit, dass immer weniger junge Menschen eine Ausbildung am Bau beginnen. Sei es, weil die Betriebe keine Bewerber finden, oder weil immer noch zahlreiche junge Menschen in die alten bundesländer abwandern. In den Anfangsjahren hatten wir in den vier Standorten der ABC Bau in Mecklenburg-Vorpommern pro Jahr bis zu 500 neue Azubis. Mittlerweile wurden die Standorte Greifswald, Neubrandenburg und Schwerin geschlossen, in Rostock haben wir noch etwa 160 Ausbildungsanfänger. Mich wundert der Rückgang nicht. Alleine mit geburtenschwachen Jahrgängen lässt der sich allerdings nicht begründen."

Billige Arbeitskräfte bevorzugt

„Sachsen hat ein massives Problem mit niedrigen Löhnen. Altersarmut ist vorprogrammiert, wenn nicht endlich eine Politik für auskömmliche Mindestlöhne und anständig bezahlte Tariflöhne gemacht wird“, betont die sächsische DGB-Vorsitzende Iris Kloppich. Die wahre Politik entpuppt sich beim Blick auf die Internetseite „Invest in Saxony“ der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (ein landeseigenes Unternehmen): "Dank flexibler Tarifmodelle, einem moderaten Lohnniveau (25,6 Prozent unter deutschem Durchschnitt) und hoher Arbeitsproduktivität ist Sachsen aus Kostengesichtspunkten in jedem Fall erste Wahl."

Der Sachse als billige Arbeitskraft – ob gut ausgebildete Fachkräfte unter diesen Umständen wirklich zurückkommen möchten?

Auch in anderen Teilen Ostdeutschland beklagen Arbeitgeber zwar den drohenden Fachkräftemangel, an der Lohnschraube wollen sie aber nicht drehen. Dabei ziehen fast drei Viertel aller aus Ostdeutschland Abgewanderten durchaus eine Rückkehr in Betracht, haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Länderkunde in einer Umfrage ermittelt. Wesentliche Voraussetzung: Die Angleichung des Lohnniveaus.

Ein Beitrag unserer Kollegin Christiane Nölle in der November-Ausgabe 2012 der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann".

© zplusz

„In den westlichen Bundesländern sind die Verdienstmöglichkeiten doch besser als bei uns. hierzahlen viele Betriebe selbst ausgebildeten Fachkräften nur Mindestlohn. Vom ausgehandelten Tariflohn ist das meilenweit entfernt. Da muss sich niemand wundern, wenn die Menschen wegziehen und –bleiben. Auch meine Töchter hat es aus beruflichen Gründen nach Hamburg bzw. Berlin verschlagen. Sie würden jederzeit wiederkommen, wenn die Bedingungen stimmen. Und viele andere bestimmt auch.“