Bildung / Berufsbildung


Ist die Marginalisierung der dualen Berufsbildung noch zu stoppen?


15.01.2016
Nur wenige Experten in Deutschland äußern klar: die viel gepriesene betriebliche Berufsausbildung steckt in einer handfesten Krise. Die zentralen Akteure sind es, die davonlaufen: die Betriebe, insbesondere die kleinen und mittleren, ziehen sich zurück, immer weniger bieten Ausbildungsplätze. Aber auch bei den Jugendlichen lässt das Interesse nach.

Viele wenden sich ab, suchen an Hochschulen oder in Fachschulen oder sogar in Sackgassen-Schleifen des Übergangsbereiches nach beruflichen Perspektiven. Dass sich alle aufs Studium stürzen, ist vielfach ein hausgemachtes Problem der Betriebe. Ausbildung, eben das "Produkt“, ist nicht mehr attraktiv genug. Genau hier liegt aber auch der Schlüssel für die durchaus mögliche Renaissance der betrieblichen Ausbildung, wie die Beiträge der neuen Ausgabe von Denk-doch-Mal.de zeigen. Ein Schlüssel aus Sicht der IG BAU ist es, die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung zu erhöhen, intensiv diskutiertes Thema einer Berufsbildungspolitischen Tagung der IG BAU. (s. Broschüre mehr Durchlässigkeit wagen)

Die heutige Krise der Berufsausbildung beruht anders als vor 20 Jahren nicht auf Defiziten in der Berufsausbildung selbst, analysiert Prof. Dr. Gerhard Bosch. Die Sozialpartner hätten ihre Hausaufgaben gemacht und die Berufe modernisiert. Der Druck kommt vor allem von außen durch die zunehmende Akademisierung, unterstützt durch die Prekarisierung der Erwerbsverläufe vieler beruflich Qualifizierter. Bosch sieht vier Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen:

Der erste Ansatzpunkt ist die Bezahlung. Fachkräfte müssen einen Facharbeiterlohn und nicht nur den Mindestlohn erhalten, was in der Fläche nur durch eine Erhöhung der Tarifbindung gewährleistet werden kann. Ebenso wichtig ist auch eine angemessene Bezahlung bei einem beruflichen Aufstieg. Wenn ein junger Bachelor schon beim Berufseinstieg mehr bekommt, als ein Meister mit 20 Jahren Berufserfahrung etwa als Leiter der Ausbildungsabteilung mit 30 Untergebenen, dann lautet die unmissverständliche Botschaft: Studiere! Diese Botschaft wird gegenwärtig in den Betrieben massenhaft verbreitet.

Der zweite Ansatzpunkt ist Sicherheit: Die Unternehmen müssen Jugendlichen nach der Ausbildung schneller einen unbefristeten Vertrag geben.

Der dritte Ansatzpunkt ist die Karriereförderung bis ins mittlere Management, die beruflich Qualifizierten mit einer Aufstiegsfortbildung bislang offen stand. Wenn Unternehmen, diese Funktionen für Akademiker oder die Absolventen dualer Studiengänge reservieren, wird der karriereorientierte Teil der Jugendlichen gleich auf die Hochschule gehen.

Der vierte Ansatzpunkt ist die Vergrößerung der Pools potentieller Auszubildender. Die größten Reserven liegen hier bei jungen Ausländern. Arbeitsplatzsicherheit und die im deutschen Qualifikationsrahmen verankerte Gleichstellung von Meistern/Fachwirten/Technikern mit den Absolventen von Bachelor-Studiengängen werde kaum thematisiert und in der Praxis nicht eingelöst, nicht zuletzt, weil sie Wünschen nach einer weiteren Deregulierung des Arbeitsmarktes in großen Teilen der Wirtschaft entgegenstehen.

Die Versprechen, die heute mit einer Berufsausbildung gegeben werden, wie gute Bezahlung, Sicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten, müssten in der Praxis auch eingehalten werden, sonst orientieren sich die Jugendlichen eben anders.

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, beschreibt seine Reformideen. Es sind fünf an der Zahl: die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung muss sich erhöhen. Noch mehr Inklusion behinderter und benachteiligter Menschen in das Ausbildungssystem sei notwendig. Berufliche Ausbildung müsse noch mehr an Internationalität gewinnen. Die Chancen von Wirtschaft 4.0 bzw. Digitalisierung gelte es zu nutzen. Und das Berufsbildungsgesetz (BBIG) sollte sich den sich verändernden Gegebenheiten und den Realitäten anpassen.

Bleibt die Frage: ist die Kraft da, diese Projekte anzuschieben?

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