IG BAU - die tun was!


Leben und arbeiten in Europa - Wie geht es den anderen Gewerkschaften?

© IG BAU (Dieter Marzahn)
© IG BAU (Dieter Marzahn)
11.01.2013
Einmal über den eigenen Tellerrand hinausschauen und dieser Frage nachgehen, war das Ziel der Ungarn-Studienreise der Kolleginnen und Kollegen des IG BAU-Bezirksverbandes Südbrandenburg. Mit Karoly Georgi, internationaler Sekretär der MSZOSZ, und Gyuala Palagi, Chef der ungarischen Baugewerkschaft Bau-Holz, führten sie dabei in Budapest lebhafte Gespräche und lernten Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede der Gewerkschaften kennen.

Nachdem die beiden Kollegen die Struktur und die Arbeit der Gewerkschaften in Ungarn erläutert hatten, gingen sie auf die Fragen der Südbrandenburger ein. Die ungarischen Gewerkschaften sind zum Teil anders organisiert als in Deutschland. So haben die Gewerkschaften mehrere Dachverbände, wobei die MSZOSZ vergleichbar mit dem DGB ist. Dann hat man die Branchengewerkschaften, wie die Bau-Holz, und dann gibt es die Betriebsgewerkschaften.

Betriebsgewerkschaften gibt es, wenn mindestens 10 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert sind. Dann können auch Kollektiv-Vertragsverhandlungen geführt werden. Betriebsgruppen gibt es in Ungarn nicht, da auf dieser Ebene die Betriebsgewerkschaften agieren.
Die Branchengewerkschaften haben keinen Streikfonds, diese Aktionen passieren auf der Betriebsebene. Daher ist es auch ein großer Erfolg, dass man über die Branchen hinweg einen Kollektiv-Vertrag abschließen konnte, der einen Mindestlohn enthält.

In Ungarn hat sich das Arbeitsgesetz seit dem 1. Juli 2012 stark negativ entwickelt. So sind z. B. Arbeitszeiten bis zu 64 Stunden in der Woche möglich. Die Betriebsgewerkschaften haben hier Handlungsmöglichkeiten, denn sie vereinbaren die Arbeitszeiten mit den Arbeitgebern. Probleme gibt es in den Klein- und Kleinstbetrieben ohne Betriebsgewerkschaften. Dort vereinbart der Arbeitgeber das mit den einzelnen Arbeitnehmern, aber der Einzelne ist eben machtlos. Auf dem Bau wird eher auf Jahresarbeitszeit als auf Wochenarbeitszeit abgestellt. Es muss aber auch in Ungarn eine Ruhezeit von 11 Stunden zwischen den einzelnen Arbeitstagen gewährleistet sein.

Der Verdienst im Baugewerbe liegt offiziell bei ca. 650 €/Monat. Aber genau so viel kommt noch einmal unversteuert hinzu - und ein Teil der Leute arbeitet nur „schwarz“. Probleme gibt es dann aber bei der Rente, die auf das Minimum von ca. 100 € begrenzt ist. Bei Arbeitslosigkeit kann man weiter Gewerkschaftsmitglied mit reduziertem oder auch ohne Betrag bleiben. Das hat aber für die Betriebsgewerkschaften einen Nachteil, denn sie müssen für jedes Mitglied eine Gebühr an die Branchengewerkschaften abführen.
Leistungen der Gewerkschaften sind Rechtsschutz, Kollektiv- und Tarifverträge, Zuschüsse für schulpflichtige Kinder, gewerkschaftliche und betriebliche Weiterbildung, Arbeits- und Gesundheitsschutz u.a..

Bei Arbeitslosigkeit wird bei Mitgliedschaft die Rechtsberatung über den Dachverband organisiert. Der Mitgliedsbeitrag beträgt ca. 1 Prozent vom Gesamteinkommen, das sind ca. 0,7 Prozent vom Netto.

Der Frauenanteil in der Baugewerkschaft liegt nicht so hoch wie in Deutschland. Aber auch in Ungarn gibt es Betriebe mit hohem und Betriebe mit geringerem Frauenanteil. Zur Demokratie in der Gewerkschaft wird ausgeführt, dass alle 4 Jahre ein Kongress stattfindet, bei dem sich die Kandidaten zur Wahl stellen. Vertreter der Betriebsgewerkschaften wählen dann ihre Vertreter in der Branchengewerkschaft.

Bei einem Besuch in der deutschen Botschaft sprachen wir mit Herrn Riedel und Herrn Schmied. Dabei wurde die politische Situation erörtert. Außerdem wurden auch soziale Aspekte nicht außer Acht gelassen.

Nach anstrengenden Beratungen und Diskussionen haben die ungarischen Kollegen ihren Gästen aus Südbrandenburg Budapest bei einer Stadtrundfahrt näher gebracht. Das Parlament, der Heldenplatz mit dem Milleniums-Denkmal, die Freiheits- sowie die Kettenbrücke, den Burgberg und die Fischerbastei und viele andere Sehenswürdigkeiten angeschaut.

Bei dieser Studienreise konnten die BAU-Leute Einblick in die ungarische Gewerkschaftsarbeit erhalten und sie mit ihrer Arbeit vergleichen. Zusammenfassend konnten sie feststellen: es gibt überall Probleme, die angepackt werden müssen. Übereinstimmend stellten die Gewerkschafter fest: im Jugendbereich haben wir Nachholbedarf, müssen uns der Frage stellen: „Wie bekommen wir junge Leute für die Arbeit in der Gewerkschaft aktiviert?“.

Und genau dieses Problem wollen die Südbrandenburger IG BAU-Leute nun verstärkt in ihrer täglichen Arbeit angehen.