Gesundheit und Rente


Nahtloser Übergang: Mit Altersflexi sicher in Rente


© IG BAU (Klaus Hartung)
08.06.2013
Wenn der Körper im alter nicht mehr mitspielt, droht die Kündigung - viele Beschäftigte landen vor der Rente in Hartz IV. Besonders oft trifft es Bauarbeiter. Die IG BAU will das verhindern, darum hat sie das Modell der Altersflexi-Regelung erarbeitet, das die bisherigen Forderungen für einen sicheren Übergang vom Erwerbsleben in die Rente ergänzt.

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: Verkleidet als Rollstuhlfahrer und Pfleger, ziehen Mitglieder der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) durch Halles Innenstadt. Mit ihrem „Rentenzug“ wollen sie auf den oft steinernen Übergang vom Beruf in die Rente hinweisen. „Kaputter Rücken, künstliche Gelenke und? Weiterschuften…“, haben sie auf ein Schild geschrieben.

Wovor alle Angst haben, das hat Friedrich Zirkel bereits durchlitten: Mehrere Bandscheibenvorfälle, die Hüfte kaputt, ein Bein taub ... kaum im Krankenhaus, forderte sein Chef vom damaligen Kranfahrer: „Weitermachen wie bisher.“ „Ich lag auf der Pritsche, da rief mein Chef an und sagte: ‚Wir brauchen Dich hier.’ Als ich ihm sagte, dass es nicht mehr geht, hat er mich gefeuert“, erinnert sich Zirkel. Damals war er 58 Jahre alt. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Zirkel schlägt sich als Hartz-IV-Empfänger mit 382 Euro im Monat plus Miete und Heizkosten durch. Und das, obwohl er fast 40 Jahre auf Baustellen geackert hat – zuerst als Eisenflechter, dann seit Mitte der 90er-Jahre als Kranfahrer.

Heute ist Zirkel 61 und wartet darauf, dass er in zwei Jahren Frührente erhält. Eine finanzielle Verbesserung immerhin, trotz hoher Rentenabschläge. „Ich kenne einige Kollegen, denen es so geht wie mir“, sagt er.
Dass Zirkels Schicksal typisch ist, bestätigt Arbeitsmarkt-Forscher Martin Brussig. Er hat die Berufsverläufe von Bauarbeitern untersucht und herausgefunden: Ein beachtlicher Teil der Beschäftigten scheidet vor Renteneintritt aus dem Beruf aus. Und in der Regel gibt es heute keinen Einstieg in die Altersrente vor dem Alter von 63 Jahren.

Eine neue Art Kurzarbeitergeld

„Nur etwa ein Drittel der Bauarbeiter wechselt direkt in Altersrente“, schreibt Brussig in seiner Studie. Oft müssten sie zuvor Hartz IV oder andere Sozialleistungen beantragen. Wegen dieser alarmierenden Erkenntnisse setzt sich der Forscher für ein Alters-Kurzarbeitergeld ein (siehe Zwischenruf).

Die IG BAU hat dazu einen Vorschlag zur Diskussion gestellt: die Altersflexi-Regelung. „Wir haben Verantwortung übernommen und einen konstruktiven Vorschlag auf den Tisch gelegt. Denn wir müssen verhindern, dass ganze Berufe ‚verhartzen‘“, sagt IG BAU-Bundesvorsitzender Klaus Wiesehügel. Kern des Vorschlags ist das Altersflexi-Geld, eine neue Art Kurzarbeitergeld: Das könnten Kollegen im Alter von 58 bis 63 Jahren bekommen, die mindestens 20 Jahre am Bau gearbeitet haben und die ihre Tätigkeit wegen Gesundheitsproblemen nicht mehr voll ausüben können.

Wenn Beschäftigte noch einige Stunden pro Woche sinnvoll und qualifiziert im Betrieb eingesetzt werden können, arbeiten sie Teilzeit und bekommen für den Rest Altersflexi-Geld. Wenn es gar nicht anders geht, gibt es Altersflexi-Geld auch für die volle tarifliche Arbeitszeit, ohne dass die Beschäftigten im Betrieb mitarbeiten.

Die Höhe des Altersflexi-Gelds ist mindestens 60 Prozent des Lohns für nicht geleistete Arbeitsstunden. Es wird für maximal fünf Jahre gezahlt.

Fakten zum Altersflexi

Zugangsverfahren:
Altersflexi gibt es dann, wenn eine wirksame Kündigung droht und Alternativen im Betrieb geprüft wurden. Ein medizinisches Gutachten muss belegen, dass der Beschäftigte seine Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht
mehr in Vollzeit ausüben kann. Geprüft werden zudem Maßnahmen, mit denen der Beschäftigte auf seinem Arbeitsplatz bleiben oder eine ähnlich qualifizierte Tätigkeit ausüben kann.

Finanzierung:
Die IG BAU schlägt eine maximal fünfjährige Laufzeit vor. Vier Jahre werden finanziert durch die Bundesagentur für Arbeit und Mittel aus dem Bundeshaushalt. Dabei gibt es Einsparungen bei anderen Leistungen, wie Arbeitslosengeld
I und Hartz IV, die wegen des Alterflexi-Gelds nicht gezahlt werden. Ein Jahr wird finanziert aus einem tariflichen Umlagefonds.

Lotsen im Förder-Dschungel

Ergänzt wird das Altersflexi-Geld durch Transferberater, die Lotsen durch den Dschungel von Förderangeboten sind. Das Zugangsverfahren soll verhindern, dass Betriebe sich ihrer Verantwortung für ältere Beschäftigte entziehen.

Friedrich Zirkel ist sich sicher, dass er von der Altersflexi-Regelung der IG BAU profitiert hätte: „Das wäre gut gewesen, denn ich wäre sehr gerne im Beruf geblieben, und finanziell wäre es für mich dann auch besser gelaufen.“ Die Parteien fordert er auf, das Konzept der IG BAU aufzugreifen und die Einführung einer Altersflexi-Regelung zu beschließen.

Um den Parteivertretern in Sachen Altersarmut Druck zu machen, hat die IG BAU im Vorfeld der Bundestagswahl eine Postkarte vorbereitet (eingeklebt auf Seite 9 der Juni-Ausgabe der IG BAU-Mitgliederzeitschrift „Der Grundstein/Der Säemann). Unsere Mitglieder sind aufgerufen, die Karte an Politiker zu verteilen. Die kommenden Wahlkampfveranstaltungen bieten sich bestens dafür an.

Weitere Postkarten gibt's beim Bezirksverband oder Einzelexemplare auch beim IG BAU-Hauptstadtbüro (030-24639 201).

Mitmachen: Wer Druck macht, der gewinnt!

Mitmachen lohn stich. für eine gute Rente allemal. Zusätzlich verlosen wir unter allen, die bersonders aktiv mitmachen, einen Berlin-Kurzurlaub. Natürlich zum Wahl-Wochenende. Damit Du auch vor Ort Druck machenkannst.

Drei Tage für zwei Personen
Mach ein Foto von Dir und dem Politiker, wenn Du die Karte übergibst, schreibe den Politiker-Namen dazu, und schicke das an die unten stehende Anschrift. Oder schicke uns das Antwortschreiben des Politikers (Kopie reicht). Eins von beidem genügt – entweder Foto oder Antwortschreiben! Alle Einsender erklären sich bereit, dass die Dokumente gegebenenfalls veröffentlicht werden.
Einsendeschluss ist der 3. September 2013.

Redaktion „Der Grundstein/Der Säemann“
IG Bauen-Agrar-Umwelt
Olof-Palme-Straße 19
60439 Frankfurt am Main
oder grundstein@igbau.de