Geschichte


Bauarbeiter lösen Volksaufstand in der DDR aus


Mit Panzern gegen Demonstranten © Bundesbildstelle
11.06.2003
Den Opfern des Volksaufstand in der DDR 1953 hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt am 16. Juni 2003, dem 50. Jahrestag, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in Berlin gedacht. Es waren Bauarbeiter, die den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR ausgelöst haben.

„Ich mache darauf aufmerksam, dass es Bauleute waren, die von Berlin über die ganze Ostzone hinweg ausgestrahlt und eine Bewegung geschaffen haben, die in der ganzen Welt ein einmaliges Echo gefunden hat.“ Auf dem 2. Gewerkschaftstag der IG Bau-Steine-Erden im Herbst 1953 sprach so der Delegierte Willi Kruse.

Besser kann man es auch heute nicht auf den Punkt bringen, warum wir als Baugewerkschaft 50 Jahre danach an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR erinnern. Zwischen dem 16. und dem 21. Juni streikten und demonstrierten in mindestens 701 Orten gut eine Million Menschen. Über 1000 Betriebe wurden bestreikt, Hunderte von politischen Häftlingen befreit.

Frühjahr 1953:
Die SED-Regierung erhöht die Lebensmittelpreise, baut bei den Renten ab, streicht die Arbeiterrückfahrkarten, die Löhne sind niedrig. Für die Bauarbeiter kommt hinzu, dass sie sich auf den Baustellen im Stich gelassen fühlen: zu wenige oder zu schlechte Maschinen, schlechtes oder kein Werkzeug. Arbeitskleidung, Kantinenessen, Unfallschutz, alles unzureichend. Und dann verkündet die Regierung am 28. Mai: Die Arbeitsnorm wird um „mindestens“ zehn Prozent erhöht! Der Maurer Wolfgang Dittberner erzählt, was damals alltägliche Akkordarbeit war: „Um auf den vollen Lohn zu kommen, musste man 800 Steine am Tag vermauern. Man konnte sich keine Pausen zwischendurch leisten. Wenn ein Acht-Stunden-Tag, er war ja eigentlich länger, vorüber war, war man ganz schön erschöpft. Seinerzeit mussten wir auch noch sonnabends im Drei-Schicht- Dienst arbeiten.“ Am 11. Juni gesteht die SED Fehler ein, sagt Erleichterungen zu. Aber die Normerhöhung bleibt. Am 13. Juni unternehmen einige Hundert Bauarbeiter einen Betriebsausflug. Auf dieser Dampferfahrt von der Spree zum Müggelsee macht der Bauarbeiter Alfred Melzdorf die Parole öffentlich, die tags zuvor auf der Baustelle Krankenhaus Friedrichshain erstmals die Runde gemacht hatte: „Am Montag wird gestreikt!“

Auf zum Streik
Am 16. Juni starten 80 Bauarbeiter von Block 40 in der Stalinallee. Die vom Krankenhaus Friedrichshain kommen hinzu. Andere reihen sich ein. 2000 Bauarbeiter in Blaumann, Arbeitskittel, Lederschurz und Drillich, im hellen Maureranzug oder dem dunklen Cord der Zimmerer, Aktenmappen mit Thermosflaschen und Stullenpaketen unterm Arm, marschieren bald in Richtung Zentrum. Am Alexanderplatz sind es bereits zwischen 3000 und 4000. Sie rufen „Wir fordern Herabsetzung der Normen“, aber auch „Kollegen reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein.“ Um 13 Uhr erreicht der Zug von inzwischen rund 10 000 Menschen das Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. Ein Arbeiter in weißer Maurerhose und mit braungebranntem Oberkörper springt auf einen Tisch neben den Bauminister Selbmann, schiebt diesen mit einer Handbewegung beiseite und spricht aus, was viele empfinden: „Es geht hier nicht nur um Normen und Preise. Es geht um mehr: Hier stehen nicht etwa die Bauarbeiter der Stalinallee, hier steht Berlin und die ganze Zone. Was du hier siehst ist eine Volkserhebung. Die Regierung muss aus ihren Fehlern die Konsequenzen ziehen. Wir fordern freie und geheime Wahlen.“

Soldaten schießen auf Arbeiter
Am 17. Juni gehen in Berlin über 100 000 Menschen auf die Straße. SED-Fahnen werden zerrissen. Am Brandenburger Tor wird für kurze Zeit die bundesdeutsche Fahne aufgezogen. Arbeiter kapern einen Lautsprecherwagen der SED und nutzen ihn selbst. Regierung und Volkspolizei (Vopo) reagieren hilflos, viele Vopos sympathisieren mit den Arbeitern. Der sowjetische Militärkommandant Dibrowa mobilisiert drei Divisionen. Als Panzer auffahren, springt ein Arbeiter auf den Befehlstank, um die Funkantenne abzureißen. Um 13 Uhr erklärt Dibrowa den Kriegszustand. Soldaten schießen. Arbeiter brechen blutüberströmt zusammen. Schon am frühen Nachmittag lautet eine Meldung nach Moskau: „Mit dem Beginn der aktiven Eingriffe unserer Truppen begann die Lage in Berlin sich zu normalisieren. Mit dem Erscheinen von sowjetischen Panzern zerstreuten sich die Demonstranten.“ So bewahren die Sowjets das SED-Regime vor dem Zusammenbruch. Ein Regime, das ein Agent in einer Geheimbotschaft an Chruschtschow so kritisiert: „Die SED zeigte völlige Unkenntnis der Massenstimmung und Unfähigkeit, mit dem Volke zu sprechen.“ Am 18. Juni herrscht wieder Ruhe im Land. Sowjetische Soldaten zwingen die Bauleute mit der Kalaschnikow im Anschlag zur Arbeit. Über 100 Menschen sind getötet worden, rund 15 000 werden festgenommen, 1800 verurteilt, bis zu zehn Jahren Zuchthaus. In Magdeburg werden 18 Rotarmisten hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, auf deutsche Arbeiter zu schießen. Die Gewerkschaften werden endgültig zum verlängerten Arm der SED gemacht. Die IG Bau-Holz hält noch einige Zeit stand, Mitglieder protestieren, indem sie keine Beiträge mehr zahlen. Doch bald hat die SED auch sie fest im Griff.

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