Bauen und Wohnen


Soziale Frage und die Geschichte des Städtebaus

Dortmunder Vorträge 2016: Großstadt gestalten – Stadtbaumeister in Europa


© Falko Blumenthal
21.07.2016
Nahezu unbemerkt kamen Mitte Juni knapp 50 Menschen im Saal eines ehemaligen Museums in Dortmund zusammen und widmeten einen Tag der gemeinsamen Diskussion ihrer Arbeit: Großstadt gestalten.

Das Deutsche Institut für Stadtbaukunst der Technischen Universität Dortmund, unterstützt von Fachorganisationen und der Deutschen Forschungsgesellschaft, lud am 17. Juni im Rahmen der „Dortmunder Vorträge zur Stadtbaukunst“ zu einer Konferenz über „Stadtbaumeister in Europa“ ein. Was nach Geschichtsstunde klingt ermöglicht jedoch auch einen Blick auf die sozialen und politischen Fragen, die damals wie heute durch Bauen beantwortet werden: Wie wurde und wird Wohnungsnot behoben? Wie kommen Transport, Wohnraum und Grünflachen in ein gutes Verhältnis zueinander? Welche Ansprüche haben Bewohner, Regierung und Wohnungswirtschaft? Das sind Themen, die nicht nur an Universitäten und in Behörden diskutiert werden, sondern auch bspw. in Bürgerinitiativen.

Vor allem ist die Frage nach der Stadt und ihrem Bau auch ein Thema für die IG BAU: Unsere Kolleginnen und Kollegen wohnen und bewegen sich in der Stadt. Sie bauen, unterhalten und säubern ihre Gebäude. Die Gewerkschaft ist lokal vor Ort und auf Bundesebene einer der wichtigsten „Lobbyisten“ für sozialen Wohnungsbau und lebensgerechtes Bauen – vom Haus über die Grünfläche zur Verkehrsstraße.

Nach einer Begrüßung durch Ullrich Sierau, studierter Ingenieur für Raumplanung und gewählter Oberbürgermeister von Dortmund, erlebten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Ritt durch die Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, von Brüssel über Paris nach Wien und zurück nach Amsterdam und London. Die Architekten und Wissenschaftler erklärten Beispiele aus der Geschichte, wie Städtebau und Architektur auf technische und gesellschaftliche Entwicklung (auch) gestalterisch antworteten. Zum Abschluss kamen führende Köpfe der Architektur Westeuropas zu einem Podium zusammen. Die Stadtbaumeister bzw. Leiter der Stadtplanung von Amsterdam, Brüssel, London, Paris und Wien diskutierten das Erbe und den Auftrag des öffentlichen Städtebaus.

Natürlich nahmen architektonische und architekturgeschichtliche Fragen großen Raum ein, beispielsweise nach dem Zusammenhang von Demokratie und „großen Entwürfen“, Bauqualität unter dem Einfluss des jeweiligen Stellenwerts von städtischem Bauen oder der architektonischen Seite von Erholungsräumen und Infrastruktur. Mit gespitzten Gewerkschafterohren konnte jedoch in nahezu jedem Beitrag Entscheidendes herausgehört werden, was auch außerhalb von Konferenzen diskutiert werden sollte.

Bereits im Grußwort betonte der Dortmunder Oberbürgermeister, dass eine Stadt aus ihren Menschen besteht. So verwies Ulrich Sierau auf den Abwärtstrend der Stadt ab den 1980ern („Kohle – Stahl – Bier – Maschinenbau“) und das erneute Wachstum der Stadt in den letzten Jahren: Aktuell 320.000 Arbeitsplätze und 600.000 Einwohner, gestützt durch den Wissenschafts- und Umweltsektor einerseits, Bautätigkeit u.a. an und um die Hochschulen und den Phoenixsee andererseits.

Diese Verzahnung von Politik, Wohlstand, Lebensqualität und Kultur fasst Wolfgang Sonne (TU Dortmund) am Beispiel des „Plans von Chicago“ (1909) zusammen. Eine Großstadt ist eine umfassende Planungsaufgabe in ihrer Größe, in ihren Aspekten und ihrer moralischen, hier politischen und sozialen, Dimension. Letztere wurde immer wieder betont, ob in Markus Jagers (TU Dortmund) und Andreas Triskos (Leiter Stadtentwicklung Wien) Beiträgen zu Rolle des kommunalen Wohnungsbaus und der Arbeitergenossenschaften oder in Andrew Saints (Chefredakteur „Survey of London“) Hinweisen auf die Verbindung zwischen dem Beruf der öffentlich angestellten Architekten in London um 1900 und ihrem Engagement in der Sozialistischen Liga.

Eine weitere Frage, die sich durch mehrere Vorträge und die Diskussionen zog, war die Besitzstruktur in Großstädten: Kommunale Wohnungsbaugesellschaften und große Immobilieninvestoren und ihre ganze Blöcke oder gar Viertel umfassenden Entwicklungspläne einerseits und kleinteiliger Privatbesitz als Stabilitätsfaktor und Gegenentwurf zu staatlichen Großprojekten andererseits wurden von Franziska Bollerey (TU Delft) am Beispiel des sozialdemokratischen Amsterdam bzw. von Michael Mönninger (HSBK Braunschweig) am Beispiel der Stadtentwicklung durch den nationalliberalen Brüsseler Bürgermeisters Charles Buls (1837 - 1914) diskutiert.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde der reiche, historische Hintergrund auch auf die Gegenwart übertragen. Hier ging es um die Schwierigkeiten, die Stadt insgesamt im Blick zu haben, wenn sie von unzähligen Investoren umgebaut und unzählbaren Interessengruppen belagert wird.

Ein radikales Beispiel ist hier London mit hunderten von neuen Hochhäusern pro Jahr. Auch ging es um die urbane Mischung von innerstädtischen Vierteln, klassischerweise durch sozialen Wohnungsbau, aber auch durch verpflichtende Nutzung für Gewerbe. Letzteres ist mit einer Quote von 10 Prozent in Wien nun sogar vorgeschrieben. Möglichkeiten ergeben sich hier laut Andreas Trisko aus der Industrie 4.0 und der Arts & Crafts-Bewegung für ein Handwerk 4.0.

Kontrovers blieb die Frage nach der Henne und dem Ei: Gestalten Architekten und Planer Möglichkeiten für das Handeln von Menschen (Euan Mills, Greater London Authority) oder sind sie doch vor allem Baumeister? „Gebäude halten länger als Leute.“ (Andrew Saint) Einigkeit herrschte am Ende bei der Frage, wann Ideen und Ziele verwirklicht werden. Das Podium und das Publikum aus Wissenschaft, Stadtplanung und Politik waren sich einig, dass städtebauliche Visionen nur durch politische Beteiligung und Einmischen wahr werden können.

Die Vorträge der Konferenz sollen im Laufe des Jahres von Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne in einer Reihe des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst im Niggli-Verlag erscheinen.

Ein Beitrag unseres Kollegen Falko Blumenthal.

© Falko Blumenthal
© Falko Blumenthal