22. Ordentlicher Gewerkschaftstag 2017 - Ungemütliche Preisträger

Ungemütliche Preisträger


09.10.2017
Mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage ehrt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Menschen, deren Schaffen gegen Ungerechtigkeit wirkt. Dieses Jahr geht er an den katholischen Pfarrer Franz Meurer und den evangelischen Pfarrer Hans Mörtter, die inzwischen über ihre Kölner Ökumene hinaus bekannt sind.

Der Kölner Stadt-Anzeiger erklärte die beiden Kirchenmänner kurzerhand zum sozialen Gewissen der Stadt. Beide verstehen ihren Auftrag darin, gegen Unrecht vorzugehen. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, sich mit ihren Kirchen zu streiten.

Meurer stellte als Katholik neben seiner Kirche einen Kondomautomaten auf, sammelte mit einer Kollekte Hunderte Euro Spendengeld für den Bau einer Moschee und legte sich mit der rechtsextremen Partei „Pro NRW“ an. Mit seinem Engagement für Flüchtlinge und dem Entfernen von Wahlplakaten der Partei, eckte der Priester an. Von seiner Haltung rückte er auch trotz einer gerichtlichen Auseinandersetzung nicht ab.

Der evangelische Pfarrer Mörtter geht nicht mehr zum Evangelischen Kirchentag. Die Veranstaltung bezeichnete er als „beliebig“. Von einer Kirche erwartet er vor allem, dass sie ärgern muss. Themen wie Altersarmut und Arbeitsmarkt möchte er von seiner Kirche behandelt wissen.
Der überzeugte Gentrifizierungs-Gegner bezeichnet sich für seine Kirche als „Bagger, der voran fährt und Wege frei macht“.
Dazu gehört es auch, mit Prostituierten zu diskutieren, mit Muslimen zu feiern und sich für Obdachlose einzusetzen. Eben nah bei den Menschen zu sein und sich ihrer Probleme anzunehmen.

Die Besonderheit ihres Schaffens liegt bei beiden in der Tat:
Meurer legte als Pfarrer beim Neubau seiner St. Theodor Kirche besonderen Wert darauf, dass eine soziale Nutzung der Räume möglich ist. So erhielt seine Gemeinde neben einer neuen Kirche unter anderem eine Kleiderkammer, eine Küche und eine Gemeindewerkstatt.

Mörtter organisiert für Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, Fahrräder und Musikausbildungen. Außerdem versucht er, Hausbesitzer seines Viertels davon zu überzeugen, von Luxussanierungen und Verkäufen abzusehen. Auch ein regelmäßiger Großspender konnte seine Haltung nicht korrumpieren: 1994 traute er bereits ein homosexuelles Paar in seiner Kirche. Seit dem muss die Kölner Martin-Luther-Kirche mit 10000 Euro weniger im Jahr auskommen.

Beiden liegt Kultur am Herzen. Mit Ausstellungen und Aktionen veranlassen sie einen Austausch unter den verschiedenen Bewohnern ihrer Stadt und sorgen so für ein Miteinander in der Kölner Bürgerschaft. Die beiden machen Kirche, wie eine Gewerkschaft sie sich nur wünschen kann: Ehrlich, unruhig und mit einer starken sozialen Ader.

Auszüge aus der Laudatio von Dr. Gregor Gysi gibt es hier.