Arbeit und Wirtschaft


Armes Deutschland, reiches Deutschland


28.02.2014
Deutschland ist Europameister, wenn es um die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft geht. Gleichzeitig sind wir das Schlusslicht der Eurozone, wenn es um die gerechte Verteilung von Vermögen geht. Boom kommt, Rezession geht, Ungleichheit bleibt. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind nach wie vor riesig, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt (DIW).

Wer zum reichsten Zehntel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland gehört, besaß 2012 nach Abzug aller Schulden mindestens 217.000 Euro (PKW und Hausrat nicht mit eingerechnet). Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat dagegen nichts oder ist netto sogar verschuldet. Die „ärmste“ Person unter den obersten 10 Prozent besitzt 13 Mal so viel, wie die „reichste“ Person in der unteren Hälfte der Bevölkerung.

Im Vergleich mit den anderen Ländern der Eurozone weist Deutschland die höchste Ungleichheit auf: Der Gini-Koeffizient, der auf einer Skala von 0 bis 1 die Vermögensungleichheit misst, beträgt in Deutschland 0,78. In Frankreich liegt er bei 0,68, in Italien bei 0,61 und in der Slowakei sogar nur bei 0,45.

Die Studie zeigt auch, wie stark Einkommen und Vermögen zusammenhängen. Während Besserverdiener im vergangenen Jahrzehnt ihr Vermögen ausbauen konnten, blieb die Vermögenssituation der 30 Prozent mit den geringsten Einkommen konstant schlecht. Am besten steht in Deutschland da, wer großes Betriebsvermögen sein Eigen nennt: Unternehmer mit mindestens 10 Beschäftigten haben ein durchschnittliches Vermögen von rund einer Million Euro.

Hingegen sind die Nettovermögen bei Arbeitslosen gegenüber 2002 von 30.000 Euro auf rund 18.000 Euro erheblich geschrumpft (siehe Grafik). Der Grund: Die Hartz-Gesetze sehen unter anderem vor, dass vor dem Bezug von Arbeitslosengeld II zunächst das Vermögen aufzubrauchen ist. Jahrzehnte lang mühsam aufgebaute Ersparnisse gehen so oft verloren. Entsprechend haben fast zwei Drittel der Arbeitslosen unter dem Strich kein Vermögen oder sogar Schulden.

Eine Spirale der Ungleichheit verfestigt sich: Reiche beziehen immer höhere Einkommen aus ihrem Vermögen, häufen so noch mehr Reichtum an und vererben es an ihre Nachkommen. Wer nichts hat, bekommt noch nicht einmal die Chance aufzuholen. Dabei birgt die Vermögensungleichheit nicht nur sozialen Spreng-stoff. Wenn ein Großteil der Bevölkerung so wenig verdient, dass ihm der Aufbau von Vermögen unmöglich ist, kann er auch gegen Altersarmut nicht vorsorgen.

Höchste Zeit politisch gegenzusteuern! Gerechte Vermögensverteilung setzt gerechte Einkommensverteilung und ein gerechtes Steuersystem voraus. Deshalb müssen prekäre Beschäftigungsformen zurückgedrängt und Löhne und Gehälter erhöht werden. Auch unser Steuersystem muss gerechter werden: Dazu gehört eine stärkere Besteuerung von sehr hohen Einkommen und großen Vermögen und Erbschaften.

DGB "klartext" 08/2014