Umwelt / Nachhaltige Entwicklung


Klimapolitik ist zu klein für die Lösung des Klimaproblems

Montag, 8. Dezember: Ein Interview mit Hermann Ott auf der UN-Klimakonferenz in Lima (Peru)


© Lisa Bauch (Peco Institut)
08.12.2014
Während der UN-Klimakonferenz interviewte unsere Kollegin Lisa Bauch Hermann Ott. Dieser ist Umweltwissenschaftler und Senior Advisor Globale Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsstrategien beim Wuppertalinstitut für Klima, Umwelt, Energie.

Warum ist der UN-Klimaprozess trotz aller Hürden und Rückschläge wichtig?
Ich verfolge das jetzt seit zwanzig Jahren und habe alle Höhen und Tiefen miterlebt. Ich bin der Meinung, der Prozess muss um einen Parallelprozess ergänzt werden, der die Vorreiterstaaten zusammenführt. Der UN Klimaprozess ist zwar nicht ausreichend, aber er ist extrem wichtig, um alle Akteure zusammenzuführen. Er ist extrem wichtig, um die Aufmerksamkeit der internationalen Medien zu generieren, denn ansonsten ist das Thema weg. Und er ist auch extrem wichtig, um in den Köpfen der Verantwortlichen der Regierung das Thema wach zu halten. Trotz aller Rückschläge, trotz aller Unvollkommenheiten, braucht es den Prozess auch weiterhin.

Was sind ihre Erwartungen an die Konferenz in Lima?
Meine Erwartungen hier sind ganz gering. Ich glaube, dass hier nicht sehr viel passieren wird. Einfach weil auch in Paris nicht viel passieren wird nächstes Jahr. Das, was jetzt hier verhandelt wird, sind völlig unzureichende freiwillige Beiträge, die auf keinen Fall ausreichen werden, um den Klimawandel zu stoppen und unter der Zwei-Grad-Grenze zu bleiben. Das, was das Treffen bringen müsste, wird es wahrscheinlich nicht bringen, und dann wird wieder alles ganz hektisch werden vor Paris. Aber ich lasse mich gern überraschen.

Im Moment ist alles, was geschieht eine Art Brücke. Eine Brücke zwischen einer Zeit, in der das Klimathema groß war, vor allem 2007 und 2008, und dem nächsten Peak, wo das Klimathema wieder kommt. Dafür sind Institutionen wie die Klimakonferenz wichtig, dass sie solche Täler des Todes überbrücken. Und das Thema wird wiederkommen. Die Anzeichen mehren sich, dass die Pause, die wir in den letzten Jahren hatten, beendet ist. Diese Pause war bedingt durch das Meer, das CO2-Emissionen aufgenommen hat. Das passiert nun nicht mehr, und die Schäden durch die Wirkung des Klimawandels werden deutlich. Wir müssen bereit für dieses Momentum sein, um wieder vernünftige Regelungen zu treffen.

Welche Rolle spielt Wirtschaftspolitik für Klimaschutz?
Das ist Wirtschaftspolitik. Ich sage manchmal, die Klimapolitik ist zu klein für die Lösung des Klimaproblems. Es geht um unsere Art zu wirtschaften, die Art und Weise wie wir den Stoffwechsel mit der Natur organisieren. So hat Karl Marx das mal genannt. Und deswegen reicht es nicht, kleine Maßnahmen im Klimaschutz anzuvisieren. Sondern wir werden unsere Wirtschaft umbauen müssen, sodass sie auch zukunftsfähig ist und nicht mehr auf Raubbau und Verschwendung setzt, wie wir es in den letzten 150 Jahren gemacht haben.

Insofern ist es enorm, was hier gemacht wird. Hier wird die Transformation unseres Wirtschaftssystems eingeleitet, die auch aus anderen Gründen kommen wird. Es ist ja nicht so, dass es nur die mangelhafte Klimapolitik ist. Sondern das System hat inhärente Widersprüche. Es kann seine Versprechungen gar nicht mehr erfüllen. Da war die Enquete-Kommission im Bundestag zu Wachstum, wo auch die Gewerkschaften vertreten waren, ganz gut.

Wie kann ein Klimaabkommen zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen?
Ich denke, das Klimaabkommen ist eine riesen Chance für die sozialen Bewegungen in positiver Hinsicht. Denn natürlich gibt es diese Verbindung zwischen Umwelt und sozialen Themen. Ohne gesunde Umwelt wird es keine gesunde Gesellschaft geben, werden die Nahrungsmittel nicht produziert werden können, die wir brauchen, und werden die Grundlagen unserer Zivilisation in Gefahr gebracht. Das ist sozusagen die negative Seite. Aber auf der positiven Seite sind die beiden Themen Alliierte.

Um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen, um sie in die Naturkreisläufe einzupassen, muss sie gerechter werden.

Man kann sich beispielsweise eine brasilianische Lösung vorstellen, in der in vielleicht 50 Jahren eine winzig kleine Oberschicht weltweit die große Masse der Rechtlosen, derjenigen, die keine Energie haben, die kein sauberes Wasser haben, unterdrückt. Das ist tatsächlich ein mögliches Szenario.

Aber wenn es uns gelingt, den Klimawandel vernünftig anzugehen, dann gehört dazu, dass das was an Klimabudget da ist, an atmosphärischem Budget, gerecht verteilt wird. Insofern sind beide Aspekte nötig, damit der ungezügelte Raubtierkapitalismus gar keine Chance hat. Damit hilft Klimaschutz auch der gewerkschaftlichen Vision einer gerechten globalen Gesellschaft.

Welche Rolle sollten Gewerkschaften Ihrer Meinung nach bei diesem Prozess spielen?
Gewerkschaften sind extrem wichtig. Auf der einen Seite ist es wichtig, dass Gewerkschaften nicht als Verhinderer dastehen. Da sind natürlich gewisse Spartengewerkschaften in einer unglücklichen Position. Weil sie meinen, Interessen vertreten zu haben, die dadurch bedroht sind, wenn keine fossilen Brennstoffe mehr gefördert werden. Da ist es wichtig, den Dialog zu suchen und diesen Gewerkschaften klarzumachen, dass der Wandel langfristig auch in ihrem Interesse liegt.

Sie müssen dafür sorgen, dass der Wandel sozial gerecht abläuft und abgefedert wird. Das geschieht nicht von allein. An dieser Stelle sind aber wiederum alle „Ökos“, die sich im Klimaschutz engagieren, aufgefordert, dass sie das auch auf ihrer Agenda haben. Es muss klar sein, dass der Klimaschutz sozial verträglich ist und möglichst sogar zu einer verbesserten sozialen Lage führt.

Außerdem sind Gewerkschaften natürlich auch extrem wichtig im Rahmen der betrieblichen Mitbestimmung und da wo sie Verantwortung im Vorstand von Unternehmen haben. Sie können darauf achten, dass auf eine Art und Weise produziert wird und Produkte produziert werden, die sich mit den Erfordernissen des Klimaschutzes auch vertragen. Sie haben die Funktion, negative Einflüsse möglichst zu minimieren und dann aber auch den Klimaschutz zusammen mit der sozialen Agenda – die sozial-ökologische Transformation – voranzutreiben.

Wenn das gelingt, haben wir tatsächlich auch eine gute Chance, dass wir beides schaffen können – sowohl den Klimawandel abzuwenden, als auch eine sozial gerechte Gesellschaft zu erreichen.

Das Interview führte unsere Kollegin Lisa Bauch, Peco-Institut.

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