Internationales


WM in Brasilien: Zwischen Jubel und Protest


© Giovane-Elber-Stiftung
06.06.2014
Am 12. Juni wird die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Brasilien angepfiffen. Die Gewerkschaften vor Ort nutzen die Aufmerksamkeit für die WM, um Armut und Ausbeutung zurückzudrängen: Sie organisieren Arbeiter und beteiligen sich an Demonstrationen. Einer, der die Lage im Land gut kennt, ist Ex-FC-Bayern-Star Giovane Élber. „Der Grundstein/Der Säemann“ hat mit dem Brasilianer über die soziale Dimension der WM gesprochen.

Doch es gibt noch ein anderes Brasilien: geprägt von Not, Gewalt und Ausbeutung. Darum hat Élber eine Stiftung gegründet, die Straßenkindern in seiner Heimatstadt Londrina im Süden Brasiliens hilft. „Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immer noch wahnsinnig groß. Und das, obwohl Brasilien eigentlich
ein reiches Land ist“, bedauert er.

Brasilianische Gewerkschaften haben die WM als Möglichkeit erkannt, für ihre Anliegen Öffentlichkeit herzustellen: Schon 2011 haben viele, meist regional organisierte Gewerkschaften unter dem Dach der Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) eine Kampagne für menschenwürdige Arbeit rund um die Weltmeisterschaft gestartet und einiges erreicht.

Auch Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat die WM als große Chance für ihr Land angekündigt, als „Copa das Copas“ – das beste WM-Turnier aller Zeiten. Die Regierung nutzt jede Gelegenheit, die Vorteile in den buntesten Farben auszumalen: Es sei „eine historische Chance, die ökonomische und soziale
Entwicklung voranzutreiben und Brasilien international als Reiseziel für Touristen zu bewerben“, heißt es aus dem Sportministerium.

Mit rund 8,4 Milliarden Euro beziffert das Ministerium die Investitionskosten, die zu einem großen Teil von Staat und Kommunen getragen werden – andere Quellen sprechen von rund zehn Milliarden Euro. Ob die positiven Effekte der WM diese Kosten rechtfertigen, gilt als umstritten. Klar ist: Brasilien erlebt einen Bauboom, der zumindest vorübergehend Arbeitsplätze geschaffen hat.

Die zwölf Spielorte sind bis zu 3200 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, fast so weit wie Bagdad von Berlin. Damit die Fans während des Turniers problemlos von A nach B kommen, sind Flughäfen und Bahnverbindungen ausgebaut, die WM-Städte für den Andrang fitgemacht, Stadien neu errichtet
oder erweitert worden.

Dabei hat es viele Pannen und Verzögerungen gegeben. „Brasilianer machen alles unter großem Zeitdruck und in letzter Minute. Darunter leiden auch die Sicherheitsvorkehrungen bei solchen Großprojekten“, sagt
Giovane Élber. Immer wieder sind Bauarbeiter bei Unfällen verletzt worden, neun Tote sind alleine beim Ausbau der Stadien zu beklagen. So stürzte im November vergangenen Jahres in São Paulo ein Kran auf das WM-Stadion – ein Bauarbeiter und der Kranführer kamen ums Leben.

Weitgehend unfallfrei ist nur das WM-Stadion in Salvador da Bahia geblieben. Kein Wunder: Dort sind schon seit Längerem alle Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert – unter anderem in der BHI-Gewerkschaft SINTEPAV-Bahia. „Wir waren in der Lage, die Reallöhne zu erhöhen, die Sicherheit zu verbessern und verschiedene Vergünstigungen zu verhandeln“, schildert der Präsident der SINTEPAV-Bahia, Adalberto Galvão, seine Erfolge gegenüber BHI-Vertretern.

Mithilfe der Gewerkschaften haben auch in anderen Regionen Beschäftigte ihre Rechte durchgesetzt. So auf der Baustelle des unfallgeplagten WM-Stadions in São Paulo. Indem Tausende zeitweise die Arbeit niederlegten, haben sie Zugeständnisse erzwungen. Seit ihrer ersten Arbeitsniederlegung wählt die Belegschaft Beschäftigte und Gewerkschafter ihres Vertrauens in eine Kommission, die ihre Interessen gegenüber den Arbeitgebern vertritt. Betriebliche Mitbestimmung à la Brasil.

Landesweit haben die BHI-Gewerkschaften deutliche Fortschritte erzielt: Auf den Baustellen der zwölf WM-Stadien sind die Durchschnittslöhne zwischen 2009 und 2013 um rund 50 bis 130 Prozent gestiegen, teilte die BHI mit. Zudem würden Überstunden deutlich besser bezahlt als früher. Zahlreiche Vereinbarungen über Essensmarken, kostenloses Frühstück und Mittagessen für die Beschäftigten wurden zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern geschlossen. „Wir haben viel erreicht, aber dafür hat es 28 Streiks gebraucht. Und neun Tote sind asolut inakzeptabel“, resümiert der Stellvertretende IG BAU-Bundesvorsitzende und BHI-Vizepräsident Dietmar Schäfers.

Auch abseits des Arbeitsplatzes sind die Gewerkschaften ganz vorne dabei, wenn es um sozialen Fortschritt geht – vor allem seit dem vergangenen Jahr, als die Stimmung vieler Menschen in Wut umschlug. Stein des Anstoßes: Präsidentin Dilma Rousseff hatte Fhrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr sowie Kürzungen bei Bildung und Gesundheit angekündigt - Einschnitte, mit denen die horrenden Kosten der Weltmeisterschaft abgefedert werden sollten.

Doch Rousseff hatte die Rechnung ohne Bürger und Gewerkschaften gemacht: Millionen Brasilianer sind seitdem gegen die Sparpläne auf die Straße gegangen. Vielfach friedlich, aber immer wieder hat sich die Wut auch in Gewalt entladen. „Die Proteste kommen nicht von den Ärmsten, sondern von Bürgern aus der Mittelschicht. Schulen und Krankenhäuser sind ihnen wichtiger als teure Stadien, die nach der WM leerstehen werden“, weiß Giovane Élber.

Die BHI-Gewerkschaften haben sich den friedlichen Demonstranten angeschlossen. Einige der Forderungen: mehr Geld für Bildung, Gesundheit und Mobilität, Regulierung des Arbeitsmarkts, 40-Stunden-Woche und Rentenerhöhungen.

Die Proteste haben Wirkung gezeigt: Rousseff hat ein großes Reformpaket versprochen. „Erster konkreter Erfolg ist, dass die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr im ganzen Land gesenkt wurden“, freut sich Dietmar Schäfers.

Die Gewerkschaften haben ihre Kraft genutzt und sind als starke Akteure aufgetreten – für die Interessen der Beschäftigten genauso wie für die Brasilianer, die stärker am Wohlstand teilhaben wollen. Die Aussichten sind gut, dass die sozialen Kräfte in Brasilien auch nach dem WM-Abpfiff weiter am Ball bleiben.

Schon in zwei Jahren steht mit der Sommer-Olympiade in Rio de Janeiro das nächste Großprojekt an. Auch Giovane Élber ist guter Hoffnung, „dass sich die Arbeitsbedingungen zukünftig und für die Olympischen Spiele 2016 gewaltig verbessern“.

Mehr Informationen über die Gewerkschaftsarbeit rund um die Weltmeisterschaften in Brasilien und 2022 in Katar gibt es auf www.igbau.de und hier im Internet.
Die Giovane-Élber-Stiftung stellt sich hier vor.

Ein Beitrag unseres Volontärs Julian Fath in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe 06/2014.

Im Interview: Dietmar Schäfers und Ambet Yuson

„Der Grundstein/Der Säemann“ sprach mit Dietmar Schäfers, Vizepräsident der Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) sowie Stellvertretender IG BAU-Bundesvorsitzender, und dem BHI-Generalsekretär Ambet Yuson über die Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien und 2022 in Katar.

Wie bewertet Ihr die WM-Kampagne der BHI in Brasilien?
Ambet Yuson: Die Kampagne rund um die WM 2014 war ein großer Erfolg. Sie hat Beschäftigten in Brasilien mehr Einkommen und andere
Vorteile gebracht. Zugleich haben sich dort die Gewerkschaften weiterentwickelt und neue Mitglieder gewonnen.

2022 findet die Fußball-WM in Katar statt. Wie ist die Situation der Arbeiter dort?
Dietmar Schäfers: Die meisten Arbeiter in Katar sind Migranten und weitgehend rechtlos. Verstöße gegen Menschenrechte, Ausbeutung,
miese Arbeitsbedingungen und Unfalltote sind an der Tagesordnung. Das muss endlich aufhören.

Wie setzt sich die BHI für die Rechte der Beschäftigten in Katar ein?
Dietmar Schäfers: Die Probleme, die eine WM in Katar aufwirft, haben wir bei den Vereinten Nationen und auf dem Weltsozialforum zum
Thema gemacht. Im direkten Gespräch mit Vertretern der katarischen Regierung und der FIFA hat die BHI die Probleme ganz konkret angesprochen.

Hattet Ihr damit Erfolg?
Ambet Yuson: 2010 gab es in der Öffentlichkeit noch keine Bedenken gegen eine WM in Katar, jetzt gibt es sie ganz massiv. Vor allem die FIFA hat den Druck gespürt, den Gewerkschaften und Medien aufgebaut haben.

Das Interview führte unser Kollege Julian Fath.

Dietmar Schäfers
© IG BAU (Paul Schimweg)

Ambet Yuson
© IG BAU (Dietmar Gust)

Zwischenruf: Sternstunde der Demokratie

Was bleibt von einer Fußball-WM? Diese Frage stellt sich Brasilien dieser Tage.
Als das Land vor sieben Jahren den Zuschlag bekam, die WM 2014 ausrichten zu dürfen, wurden große Erwartungen geschürt. Politiker und Fußballfunktionäre zeichneten ein Bild eines modernen und reichen Brasiliens. Mithilfe der WM sollte die soziale Ungleichheit verringert werden.

Heute zeigt sich, dass diese Erwartungen übertrieben waren.
Das verwundert kaum, denn Transport, Gesundheit und Bildungssystem haben nichts mit einem Sportereignis zu tun. Diese Bereiche sollten immer, nicht nur zu WM-Zeiten, zu den Aufgaben der Politik gehören. Und da hat Brasilien sicherlich noch viele Missstände zu mildern. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass im Bereich des Möglichen viel passiert ist. Die konservative Regierung von Cardoso hat mit rigiden Maßnahmen die Inflation in den Griff bekommen und so den Grundstein für die Politik der Arbeiterpartei
unter Lula und Rousseff gelegt. Diese haben massiv in die Sozialpolitik investiert. Beispiele dafür sind die Erhöhung des Mindestlohns, Sozialhilfe, Unterstützung zum Eigenheimbau und die Expansion der staatlichen Universitäten. Wie gesagt, das alles hat nichts mit der WM zu tun.

Schon andere Weltmeisterschaften haben gezeigt, wie wichtig deren immaterielles Vermächtnis ist.
Es wird viel und hintergründig über Brasilien berichtet, das hat Druck auf Politiker und soziale Bewegungen aufgebaut, das hat zu den Massenprotesten geführt, und so konnte sich Brasilien als demokratisches Land präsentieren. Jetzt werden ganz grundsätzliche Dinge diskutiert: Welche Rolle hat die FIFA? Was für eine Polizei wollen wir? Wie soll unser Land aussehen? Mir scheint, dass wichtige Reflexionsprozesse in Gang gekommen sind, die auch anderen Ländern zum Vorbild dienen können.

Martin Curi
Autor des Buchs „Brasilien: Land des Fußballs“,
Werkstatt-Verlag.