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Wanderarbeiter: Sie schuften auf Chinas Baustellen

Fliegende Händler versorgen die Bauarbeiter
Fliegende Händler versorgen die Bauarbeiter © IG BAU (Gerd Citrich)
05.04.2014
China boomt, baut und bewegt viele Leute – mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Wanderarbeiter. Bei einem Besuch in Peking konnte ich mich als Leiter des Arbeitsschutzes für die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) gemeinsam mit Thomas Engel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, direkt vor Ort umsehen. Unterstützt und gefördert wurden wir von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

Unser Augenmerk richtete sich auf die Arbeitssituation und die Lebensumstände der Wanderarbeiter.

Das jährliche Wirtschaftswachstum von China liegt seit 2001 bei durchschnittlich 10 Prozent. Ein Teil der Dynamik erklärt sich aus der Bedeutung der Baubranche. Man sieht sie in Peking überall: moderne Hochhäuser als Ergebnisse der regen Bautätigkeit der letzten Jahre. Auf den Baustellen arbeiten überwiegend Wanderarbeiter. Sie sind oft nur für einige Wochen im Einsatz, schlafen in Wohncontainern und ziehen anschließend weiter zum nächsten Bau.

Bei dem Besuch einer Baustelle (siehe Foto) und der Unterkünfte wurde uns vom anwesenden Teamleiter gesagt, dass die uns gezeigten Unterkünfte schon bessere Unterkünfte seien.

Ich habe mich gefragt, wie dann die schlechten Unterkünfte aussehen?
• Frosttemperaturen,
• zehn Betten pro Container,
• keine Heizung in den Unterkünften,
• Waschmöglichkeiten nur im Freien (zerborstene Leitungen),
• Bei Nachfrage beim Teamleiter wurde uns mitgeteilt, dass Gewalt, Streit und Alkoholmissbrauch unter den Wanderarbeitern immer Themen sind,
• tägliche Arbeitszeit von über zehn Stunden,
• keine Urlaubsregelung und eine Sieben-Tage-Woche.

Aber auch die Aussage, dass bei schweren Unfällen „es irgendwie zwischen den Firmen geregelt wird“, machte mir große Sorgen. Immerhin: Themen, wie Betriebsrat, Gefährdungsbeurteilung und Unternehmerhaftung, wurden aufgenommen und viele Nachfragen erfolgten. Hier hat es sich gezeigt, dass Arbeitsschutz Türen öffnet.

Die Unterkünfte - rechts an der Wand die einzigen Waschgelegenheiten © IG BAU (Gerd Citrich)

Sicherheitsmängel und Arbeitsschutzprobleme

Professor Zhao Wei von der Beijing Normal University und das Pekinger Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung hatten am 12. und 13. Dezember vergangenen Jahres zu einem zweitägigen Workshop zum Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz auf Baustellen eingeladen. Unter den Gästen befanden sich auch Forscherinnen und Forscher, Fachleute und Aktivisten aus anderen Boom- und Bauregionen des Landes. Es kam zu einer intensiven Problemanalyse und zu einem offenen Erfahrungsaustausch über betriebliche Handlungsansätze sowie politische Gestaltungserfordernisse.

In der Problembeschreibung waren sich alle weitgehend einig: Die großen Sicherheitsdefizite und hohen Unfallraten resultieren insbesondere aus der Beschäftigung von gering qualifizierten Wanderarbeitern. Ihnen kommen zu wenige Unterweisungen zu. Ihre raschen Wechsel auf die nächsten Baustellen verhindern eine systematische Beteiligung von Beschäftigten.

Überlange Arbeitszeiten und ein hohes Arbeitspensum ermüden und erschweren den vorausschauenden Umgang mit Unfallgefahren. Staatliche und betriebliche Kontrollen zur Einhaltung der bestehenden Standards finden viel zu selten statt. Viele Beschäftigte haben keinen Arbeitsvertrag. Sie befinden sich in hoher Abhängigkeit und sind bestrebt, möglichst viel Geld zu verdienen, um einen großen Anteil davon in die Heimatregionen zu schicken. Die Schutzausrüstung müssen die Arbeiter selbst besorgen. Um Geld zu sparen, verzichten sie teilweise darauf.

Eine Szene bei der Baustellenbesichtigung lässt die Prioritäten erahnen: Selbst wenn in der Mittagspause die fliegenden Händler auf dem Bauplatz eintreffen und – neben gesundem Essen aus kleinen Garküchen – ordentliche Arbeitsschutzschuhe, Warnwesten und Handschuhe anbieten, gibt es wenig Interesse. Ein Arbeiter schützte sich mit einem um den Kopf gewickelten Schal, statt einen der gelben Helme zu benutzen. Der Austausch zwischen Management und einfachen Arbeitern beschränkt sich auf die wesentlichen Arbeitsanweisungen.

Der Workshop gab zudem Einblick in auf Baustellen geführte Interviews: Viele Beschäftigte beschrieben, dass sie kein Exemplar eines schriftlichen Arbeitsvertrags besitzen. Verbindliche Unterweisungen werden auf wenige Minuten verkürzt, den Nachweis unterschreiben sie für eine Stunde. In ihren Befragungen stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass die Wanderarbeiter ratlos auf die Frage nach Berufskrankheiten reagierten oder sie vermuteten, damit werde vom Management der Mangel an Arbeitsmotivation unterstellt.

Kochstelle im Freien © IG BAU (Gerd Citrich)
Willkommene Unterbrechung: die fliegenden Händler sind da. © IG BAU (Gerd Citrich)

Auf den Baustellen des sechsten Rings um Peking wurden die Besucher von Vertretern der Nichtregierungsorganisation (NRO) YiZhuan YiWa, die mit englischem Namen Migrant Worker‘s Community Center heißt, herumgeführt. Liu Xiaohong und zwei weitere Mitarbeiterinnen hatten mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Beratungsnetzwerk für Wanderarbeiter auf dem Bau gegründet und so ein kleines Büro als „Kulturentwicklungszentrum für Wanderarbeiter“ im nahe liegenden Dorf eröffnet.

Diese Anlaufstelle ist zugleich Second-Hand-Laden, Leihbibliothek und Veranstaltungsort. Die Arbeiter können sich über Schutzausrüstungen genauso informieren, wie über ihre rechtlichen Möglichkeiten, gegen Verletzung von Sicherheitsbestimmungen vorzugehen. Diese Beratungsstrukturen sind auch deshalb entstanden, weil die Betriebsgewerkschaften bisher nicht ausreichend für die Wanderarbeiterbelange ansprechbar waren.

Gerd Citrich (Mitte) mit Thomas Engels (Uni Jena), ganz rechts, zwei Studentinnen der Uni Peking und einem Wanderarbeiter

Partizipation als Schlüssel

Für Zhao Wei besteht der zentrale Lösungsansatz zur besseren Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Gewerkschaften, NRO, Sicherheitsmanagement und Sicherheitsbeauftragen in der Stärkung der Partizipationsmöglichkeiten von Wanderarbeitern.

Dazu bedarf es einer besseren Informations- und Unterweisungspraxis des Managements, aber auch der Möglichkeit für die Beschäftigten, einen Sicherheitsbeauftragten für jeden Arbeitsbereich wählen zu können. Ähnlich wie deutsche Betriebsräte sind diese mit gesetzlich garantierten Mitbestimmungs- und Kontrollrechten auszustatten, so die Idee. Entsprechende Modellversuche und Schulungsmaßnahmen möchte Zhao Wei in einem kommenden Projekt testen.

Professorin Shi Xiuyin von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften stellte verschiedene Partizipationsformen vor, die bereits in China praktiziert werden. Thomas Engel von der Universität Jena berichtete von Erfahrungen mit verschiedenen Beteiligungsmodellen in Deutschland.

Besonders interessiert wurde eine hybride Beteiligungsform nach Betriebsverfassungsgesetz aufgenommen. Demnach wird den gewählten Betriebsräten garantiert, sachkundige Beschäftigte oder eigens eingesetzte Arbeitsgruppen von der Arbeit freistellen zu können. Grundlage dieses auf Zeit gewährten Zugriffs auf einzelne Arbeitnehmer ist eine Vereinbarung mit dem Management über ein Projekt. Für solche Projekte werden häufig erfolgreich Arbeits- und Gesundheitsschutzthemen umgesetzt.

Im Anschluss an die Darstellung der Arbeitsschutzsituation und der Partizipationsmöglichkeiten für Beschäftigte in Deutschland resümierte der am Workshop teilnehmende Leiter der besichtigten Baustelle nachdenklich: „Deutschland scheint viel sozialistischer als China zu sein!“.

Die Projektmanagerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sun Wei ergänzte: „In China haben wir uns bisher stark am amerikanischen Modell orientiert. Da zählte immer nur der Markt. Jetzt sehen wir, dass es in Europa auch noch etwas anderes gibt. Vielleicht könnten wir einiges davon, wie den Arbeitsschutz, auch bei uns umsetzen.“

Weitere Zusammenarbeit ist geplant

Im Zuge des anhaltenden Booms der Baubranche und des Zuzugs von Wanderarbeitskräften wächst der Handlungsdruck. Im Einklang mit den neuen Parteitagsbeschlüssen gilt es auch, Lösungen für die Arbeitsschutz- und Partizipationsprobleme der Beschäftigten zu finden. In einem Projekt sollen künftig modellhaft Umsetzungen gefunden und getestet werden.

Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Zusammenarbeit von Gewerkschaften und NRO gelegt. Aber auch Veränderungen im Verhältnis zwischen Management und Arbeitern werden erwartet und sollen in konstruktiver Weise gestaltet werden. Die deutschen Experten stehen für einen kontinuierlichen Austausch mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung. Als Diskussions- und Kooperationspartner möchten sie konkrete Vorhaben unterstützen. Die Gestaltung der Zusammenarbeit wird in den kommenden Wochen geplant.

Auf jeden Fall war die Konferenz für die Besucher aus Deutschland sowie die Gastgeber aus China eine große Herausforderung, trotz unterschiedlicher kultureller Voraussetzungen eine gute Gesprächsbasis zu finden, um sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Ein Beitrag unseres IG BAU-Arbeitsschutzexperten Gerd Citrich in der IG BAU-Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein/Der Säemann", Ausgabe 4/2014.